»Ama Zwee« ist autark. Übliche Sportgarderobe, früher Feierabend: Die Amateurfußballer von Hertha BSC vor dem Saisonfinale

Sonntag, 10.15 Uhr – eine Anstoßzeit wie bei den B-Junioren. Wir sind aber bei den Männern, bei der dritten Garnitur von Hertha BSC, den Amateuren II. In der achten Liga, der Berliner Bezirksliga, hatten die am vergangenen Sonntag (25. Spieltag) den FC Internationale II zu Gast, ein Team aus dem Mittelfeld der Tabelle. Mit der aus dem eingetragenen Verein ausgegliederten Profiabteilung, der Hertha BSC GmbH & Co. KGaA, haben die Bezirksligisten vereinsrechtlich nichts zu tun. »Wir sind völlig autark, reine Amateure, reiner geht’s gar nicht«, sagt Lutz Kirchhoff, Vorsitzender der Fußballabteilung. Die »Ama Zwee«, wie es in ortstypischer Mundart heißt, ist das am höchsten spielende Amateurteam im Hertha-Dress. Die Spieler müssen nicht nur im Morgengrauen aufstehen, sondern noch Geld mitbringen: Keine Aufwandsentschädigung, keine Punkt- oder Siegprämie, aber der monatliche Mitgliedsbeitrag beträgt zehn Euro. Mehr als die übliche Sportgarderobe sei nicht drin, sagt Kotrainer Armin Prill. Trikots und Trainingsanzüge ohne Brustwerbung. Ein, zwei Sätze, die länger als eine Saison halten müssen.

Auch bei der Platzzuteilung ist die »Ama Zwee« dritte Wahl. »Wir haben immer Auswärtsspiele«, sagt Prill augenzwinkernd. Während die Erstligamannschaft von Hertha seit Jahrzehnten im runderneuerten Olympiastadion aufläuft und die U23 im unweit gelegenen Amateurstadion spielt, kickt die Dritte auf einem alten Sportgelände an der Lüderitzstraße im Wedding, Afrikanisches Viertel. Wenn alle ganz eng zusammenrücken, passen an den zwei Seiten mit je vier Stehplatzstufen 3.500 Zuschauer hin – so viele sind aber nie da. Einige Dutzend, selten mehr. Die Altersspuren der Anlage sind unübersehbar: Längs zur Geraden hinter der Trainerbank kann man weitspringen, siebzig Meter Anlauf, dann das verwitterte Trittbrett zur ollen Sandkiste. Hinter dem Tor gibt es drei Bahnen Sprintstrecke aus porös gewordenem Tartan. Für Schulsport reicht das wohl noch.

Der Namensgeber der Spielstätte, Adolf Lüderitz, Bremer Tabakhändler und »Koloniegründer« von Deutsch-Südwestafrika (seit 1968 Namibia), wird auf Beschluss der Bezirksverordnetenversammlung von Berlin-Mitte vom 19. April aus dem Straßenregister gestrichen. Cornelius Frederiks, einer der Anführer der aufständischen Nama gegen die deutschen Kolonisatoren, ersetzt ihn. Kolonialpolitik, ein Thema für Spieler, Anhänger und Vereinsvorstand? Eher nicht. »Gibt’s in der Politik nichts Wichtigeres als Straßennamen?« fragt Bernd »Huzzi« Erdmann, Sportlicher Leiter der Abteilung.

Der 75jährige Erdmann trainierte in der Saison 1983/84 der zweiten Bundesliga den SC Charlottenburg. Zwischen den Pfosten stand damals Andreas Köpke, später 59maliger Nationaltorwart und heute Torwarttrainer unter Joachim Löw, anschließend wechselte er für zwei Jahre zu Hertha. »Der Junge war auf dem Weg zur Weltklasse«, sagt Entdecker Erdmann und erinnert sich an körperliche Defizite. »Nach einem Waldlauf während der Saisonvorbereitung fehlte einer. Der Andy hatte sich die Füße wundgelaufen.«

Noch vor ein paar Jahren war die »Ama Zwee« ein Scharnier für Spieler, die den Sprung aus der A-Jugend in die U23 nicht gleich schafften. In Ausnahmefällen spielten sich talentierte Jugendliche über die Dritte in Profiteams. »Das ist heute aber nicht mehr der Fall«, sagt Kirchhoff. Die Vereinsspitze konzentriert sich voll auf die A-Jugend-Bundesliga.

Bei den Heimpartien der dritten Auswahl von Hertha trifft sich eine eingeschworene Fangemeinde, 20 bis 40 Anhänger versammeln sich seit 2006 hinter dem Transparent des OFC, des »Offiziellen Fan-Clubs Ama Zwee«. Traditionsfans älteren Semesters, keine Jungspunde aus dem Ultrablock. Die meisten vom OFC nehmen ihren Kater vom Samstag in den Sonntag mit. Dennoch wirkt der Tross munter. Vor dem Einlaufen klatschen die Spieler ihre Fans einzeln ab. Die erkundigen sich nach dem Wohlbefinden: »Na, ausjeschlafen, jut jelaunt und allet fit im Schritt?« Man kennt sich, man mag sich.

Die »Ama Zwee« könnte theoretisch noch aufsteigen: sechs Punkte Rückstand auf den Zweitplazierten Sportfreunde Charlottenburg-Wilmersdorf 03 bei noch fünf ausstehenden Begegnungen. Gegen Internationale wechselte sich Trainer Uria Wuttke (35) in der 66. Minute selber ein – als Sturmspitze. »Ich signalisiere meiner Mannschaft, dass ich vorangehe«, ist sein Motto. Es half diesmal nicht viel. Nach dem 1:1-Unentschieden gegen Inter II hat Wuttke Aufstiegspläne erst einmal ad acta gelegt. Nervt die frühe Anstoßzeit? Wuttke sieht eher Vorteile: »Es ist gerade einmal 12 Uhr mittags, und meine Jungs können jetzt schon Feierabend machen.«

Quelle: https://www.jungewelt.de/artikel/332281.ama-zwee-ist-autark.html

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