Bestrafter Antifaschismus. Wird der SV Babelsberg 03 aus der Regionalliga ausgeschlossen, weil er etwas gegen Nazis hat?

Es war ein brisantes Regionalligaspiel zwischen SV Babelsberg 03 und FC Energie Cottbus an jenem 28. April 2017. Die Stimmung im Potsdamer Karl-Liebknecht-Stadion war aufgeheizt, im Gästeblock waren mehrere hundert Energie-Anhänger. Einige zogen sich Sturmhauben über den Kopf, skandierten rassistische und antisemitische Parolen, zeigten den Hitlergruß, liefen auf den Platz und wollten die Ränge der Gegengeraden stürmen – dort, wo die Heimfans mit ihrem großen Ultra-Banner »Filmstadt Inferno 1999« standen. Aufgrund der tumultartigen Szenen drohte der Abbruch des Spiels.

Fast ein Jahr danach sind die Ereignisse wieder Thema. Für das Abbrennen von Pyrotechnik und den Ausspruch »Nazischweine raus« eines 03-Anhängers als Reaktion auf das Nazigegröle aus dem Energie-Block wurde der SVB vom Sportgericht des Nordostdeutschen Fußballverbands (NOFV) zu einer Geldstrafe von 7.000 Euro verurteilt. Die Frist für die Zahlung lief am vergangenen Freitag ab. Der SVB-Vereinsvorstand um den Vorsitzenden Archibald Horlitz ließ die Frist verstreichen – absichtlich. Grund: Während ein Antifa-Spruch geahndet werden soll, bleibt ein rassistischer Chor ungestraft. Der Verein weiß um die mögliche Konsequenz: »Wenn alle Rechtsmittel ausgeschöpft sind, dann kann die erste Herrenmannschaft vom Spielbetrieb ausgeschlossen werden«, sagte Michael Flottron vom NOFV Spiegel online.

Ursprünglich wurden die Cottbuser vom NOFV-Sportgericht »wegen unsportlichen Verhaltens« bei mehreren Spielen zu einer Strafe von 16.000 Euro und einem sogenannten Geisterspiel, also einem Heimspiel ohne Zuschauer, verurteilt. Ein zweites Urteil erging wegen »rechtsradikaler und antisemitischer Verfehlungen« – auf eine Strafzahlung in Höhe von 5.000 Euro entschied das Sportgericht. Der Energie-Vorstand legte Rechtsmittel ein und hatte Erfolg. Lediglich 6.000 Euro Strafe blieben übrig – Peanuts. Aber: »Das zweite Verfahren ist aktuell beim DFB-Schiedsgericht anhängig«, sagt NOFV-Vizepräsident Bernd Schultz gegenüber jW. Deshalb könne über den endgültigen Ausgang keine Aussage getroffen werden.

Anders beim SVB. Die Berufung der Babelsberger wurde seitens des NOFV wegen eines Verfahrensfehlers abgelehnt: Einer Mail fehlte die Unterschrift. »Man hat nach einem Verfahrensfehler gesucht und diesen dann auch wegen der fehlenden Unterschrift gefunden«, sagt SVB-Pressesprecher Thoralf Höntze. Es sei gängige Praxis, dass schriftliche Eingaben gegen ein Sportgerichtsurteil über das elektronische Postfach des NOFV laufen. Darüber hinaus will der NOFV erst im Nachgang von den Naziparolen im Stadion erfahren haben. In TV-Mitschnitten vom Spiel aber sind aus dem Energie-Fanblock rechtsradikale Gesänge und Gesten deutlich zu hören und zu sehen.

Der NOFV legte Ende vergangener Woche sogar nach. Für weitere Vergehen von einzelnen 03-Anhängern während der Spiele gegen Union Fürstenwalde und VSG Altglienicke im August und September 2017 wurde der Verein zu einer Geldstrafe von 4.500 Euro verurteilt. Für den Vereinsvorstand eine Provokation, auch wenn er diese Forderung begleichen will.

Trotz der Drohkulisse seitens des Verbandes reagieren die Fans verhalten. Beim Auftaktspiel nach der Winterpause gegen Chemie Leipzig am vergangenen Freitag abend (4:0 für Babelsberg) verzichteten die 03-Fans auf den Einsatz von Pyrotechnik. Ein Signal der Deeskalation. »Unsere Fans haben einen Gefühl für die Situation«, sagt Höntze. Aber wie geht es weiter? NOFV-Geschäftsführer Holger Fuchs bekräftigte Babelsbergs Zahlungspflicht, im MDR sagte er am Freitag: »Wir werden prüfen, ob Geld eingegangen ist oder nicht.« Zahlt Babelsberg nicht, müsse der Klub mit dem Zwangsabstieg rechnen. Soweit ist es aber noch nicht. Zunächst stehe ein erneutes Verfahren an, diesmal vor dem NOFV-Verbandsgericht, so Schultz. SVB-Vorsitzender Horlitz deutete gegenüber dem RBB ein mögliches Vorgehen an: »Im Zweifelsfall werden wir unter Protest und geeigneter Begleitmusik die Strafe zahlen müssen.« Damit werde aber nicht das Urteil akzeptiert.

Der SVB-Fanbeirat fordert unterdessen in einem offenen Brief den Rücktritt des NOFV-Vorstands: »In einem Verband, in dem der Einsatz gegen Diskriminierung bestraft wird und Nazis hofiert werden, darf es kein ›Weiter so‹ geben.«

Quelle: https://www.jungewelt.de/artikel/326781.bestrafter-antifaschismus.html?sstr=

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