Bremsen nicht möglich. Skifahren geht auch ohne Schnee – bei hochsommerlichen 30 Grad und auf Rollen

Die Montur ist fast dieselbe wie im Winter: Rennanzug, Helm, Stöcke, Handschuhe. Nur auf die modischen Brillen verzichten einige Athleten. Nicht auf vereisten Schneepisten in den Tiroler Alpen, nein, auf saftig grünen Weiden im Burgenland wetteifern die Kontrahenten um erste Plätze und Prämien. Grasski heißt der Sport. »Beim Grasski rollen die Sportler, statt zu gleiten wie beim alpinen Ski«, erklärt Gottfried Wolfsberger, Referatsleiter Grasski im Österreichischen Skiverband (ÖSV) gegenüber jW. Außerdem seien die Skier mit den Laufschienen und Rollen kürzer, maximal einen Meter lang. Skifahrer auf Gras benutzen daher kein Wachs für ihr Sportgerät, sie nehmen Öl – biologisch abbaubares versteht sich. Die Mechanik erinnert ein wenig an die eines Raupenfahrzeugs.

Es handelt sich um eine relativ junge Sportart. Und jede Sportart hat ihre Pioniere. Beim Grasski ist das der Schwabe Josef Kaiser aus Geislingen an der Steige. Der passionierte Tüftler kreierte um 1960 einen Vorläufer der heutigen Grasskimodelle. So ist es jedenfalls überliefert. Einige Alpinskifahrer spezialisierten sich auf Gras, so wie die 21jährige Kristin Hetfleisch. »Ich trainiere im Winter auf den Schneestrecken für den Sommer, für meine Grasskisaison«, sagt die junge österreichische Topstarterin gegenüber jW.

Bei den Alpinskifahrern setzte sich Grasski hingegen als Trainingsmethode für die schneefreie Zeit nie so richtig durch. Laut Wolfsberger gebe es aber eine Ausnahme: Alberto Tomba, der dreifache Olympia-Goldmedaillengewinner von Calgary (1988) und Albertville (1992). Seine Fitness und vor allem Technik für die strapaziöse Alpinsaison holte sich die italienische Skilegende auf Gras. Eine »perfekte Carving-Technik«, das scharfe Auf-Kante-Fahren, sei nur mit den Grasskiern möglich, sagt Wolfsberger.

Mit maximal Tempo 90 geht es die Alm runter; das ist zwar weniger rasant als auf den Gletschern, aber Kraft kostet beides. »Die physische Leistung ist mit der der alpinen Skiläufer gleichzusetzen«, sagte Erich Horvath, Nationaltrainer des ÖSV-Grasski-Teams in einem TV-Spot der Nachrichtenagentur AFP im Juli 2013. Warum? Die Pisten sind nun mal glatt, und Wiesen sind uneben. »Schläge, Löcher, alles das muss man ausgleichen.« Die Verletzungsgefahr ist groß: »Wir können mit unseren Skiern nicht bremsen«, sagt Hetfleisch. »Wir fahren aggressiv« – die Folge für Hetfleisch: Meniskusriss. Ist aber inzwischen verheilt.

Grasski ist eine Sektion der nationalen Skiverbände – in Österreich seit 1978, zwei Jahre später als in Deutschland. Seit 1985 finden Grasskiläufe als Rennserie unter dem Dach des Weltverbandes FIS (Fédération Internationale de Ski) statt. Die Disziplinen sind aus dem alpinen Skizirkus bekannt: Slalom, Riesenslalom, Super-G und Kombination. Im offiziellen Olympischen Programm, Winter wie Sommer, fehlt dieser Sport. Pro-Olympia-Initiativen von Verbandsvertretern blieben bis dato ergebnislos, sagt Wolfsberger. »Das Prozedere der Aufnahme ist kompliziert.«

In Deutschland, Österreich und der Schweiz ist Grasski eine typische Randsportart. Wenig mediale Resonanz, wenig Zuschauer – trotz angenehmer frühlingshafter und sommerlicher Temperaturen. Im Iran ist der Sport weitaus populärer. »Unser Kitzbühel liegt im Iran«, sagte die frühere Serienmeisterin Ingrid Hirschhofer 2012 der Tageszeitung Der Standard. Zu den Rennen im Skiort Dizin im Elburs-Gebirge nördlich von Teheran strömen regelmäßig mehrere tausend Fans.

Der österreichische Kader ist erfolgsverwöhnt. »Das Grasskiteam des ÖSV hat in den vergangenen fünf Jahren den Gesamtweltcup gewonnen«, sagt Wolfsberger. Und auch im aktuellen Saisonverlauf dominieren vor allem die österreichischen Frauen: die 27jährige Salzburgerin Jaqueline Gerlach und Hetfleisch, die Burgenländerin. »Die Hauptkonkurrenz kommt aus dem eigenen Lager«, sagt Hetfleisch. Ein freundschaftlicher interner Zweikampf. Beim zweiten Weltcuprennen am 30. Juni und 1. Juli im tschechischen Predklasteri stand Gerlach nach dem Slalom und Riesenslalom jeweils ganz oben auf dem Treppchen. Hetfleisch errang im Auftaktrennen zwei Wochen zuvor in Rettenbach auf ihrer burgenländischen Heimstrecke gleich drei erste Plätze.

Aber: Ist Grasski nicht nur ein skurriler Funsport, den Kritiker müde belächeln? Wolfsberger verneint: »Wir sind auch bei allen Ehrungen dabei und stehen bei solchen Events genauso im Mittelpunkt wie die übrige Sportszene.« Siegreiche Grasskisportler landen bei der Wahl zu den Sportlern des Jahres in einzelnen Bundesländern regelmäßig im Spitzenfeld.

Für Referatsleiter Wolfsberger sind die Saisonziele klar: »Wir wollen den Gesamtweltcupsieg in der Nationenwertung verteidigen.« Nicht nur das: Hetfleisch und Gerlach sollen den Cupsieg bei den Frauen einfahren. Hetfleisch stimmt dem sportlichen Auftrag ohne zu zögern zu – und betont kompromisslos: »Ich will Weltmeisterin werden.« Nächstes Etappenziel ist das Weltcuprennen im lombardischen Montecampione in Norditalien am letzten Juli­wochenende.

Quelle: https://www.jungewelt.de/artikel/335856.bremsen-nicht-m%C3%B6glich.html

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