Defensive Riegeltaktik. Einschusslöcher am Kneipentresen: Der Berliner Fußballklub Minerva begeht sein 125. Jubiläum

Schild links, Speer rechts – die römische Göttin Minerva zeigt sich gleichzeitig abwehr- und angriffsbereit. Sie galt unter anderem als Meisterin der taktischen Kriegführung. Dass klar im Vorteil ist, wer ihren Schutz genießt, wussten im vorvergangenen Jahrhundert einige Pennäler, die sich nach der Paukerei in der 5. Realschule in der Stephanstraße in Berlin-Moabit mit einem »ballähnlichen Spielgerät« beschäftigten. Am 11. Mai 1893 gründeten diese Pioniere den Berliner FC Minerva, den ersten Fußballverein Moabits. Drei Jahre später fusionierten die Jungkicker mit dem Wilmersdorfer FC Frühling zum Sportclub Minerva 1893.

Einer, der sich besonders gut auskennt mit der Vereinsgeschichte, ist Dietmar Gottemeier (67). Seit 1968 ist er im Klub, seit 27 Jahren Präsident im Ehrenamt. Das macht ihn nach eigenem Bekunden zum dienstältesten Vereinspräsidenten der Stadt. »Eine Mischung aus Durchhaltevermögen und Leidensfähigkeit« lässt ihn den Laden bis heute zusammenhalten. Dazu kommt vielleicht auch ein bisschen Lust, den SC zu repräsentieren. Und schließlich trainiert »Gotte« noch die Minerva-Frauen.

Die Klubkneipe »Fußballtreff« in der Levetzowstraße bietet täglich wechselnde Hausmannskost, von Leber »Berliner Art« (mit Apfel- und Zwiebelringen) bis zur Schlachteplatte, die ihren Namen verdient. An einer Korkwand wird die Vereinsgeschichte lebendig: historische Mannschaftsfotos hängen neben Wimpeln vergangener Meisterschafts- oder Freundschaftsspiele. In einem ausladenden Regal stehen Pokale, kleine und große, mühsam erkämpft für 1. bis 4. Plätze. Und mittendrin, irgendwie deplaziert, prangt ab und an ein Hirschgeweih. Geschichte hautnah auch am Tresen. Die Zapfanlage weist deutliche Kriegsspuren auf: ein halbes Dutzend Einschüsse aus der Zeit des sogenannten Endkampfes um Berlin Ende April 1945. »Wir pflegen unsere Einrichtung«, sagt Angelika scherzhaft, Tochter der hochbetagten Kneipenbetreiberin Margot Thiele.

1904 stieg Minerva in die höchste Berliner Spielklasse auf, die Vizemeisterschaft 1918 war einer der ersten Höhepunkte. Eine Nummer größer wurde es dann 14 Jahre später: Als Vizemeister von Berlin-Brandenburg nahm Minerva 1932 an der Endrunde um den deutschen Meistertitel teil. Lospech im Achtelfinale: 2:4 unterlagen die Berliner dem FC Bayern München. »Wir haben denen zur Meisterpremiere verholfen«, sagt Gottemeier und grinst. Bayern gewann das Finale damals mit 2:0 gegen Eintracht Frankfurt.

Monate später wurde den Nazis die Macht übergeben, Spitzenfußball wurde fortan in den 16 Gauligen gespielt. Minerva kickte mit einem Jahr Unterbrechung durchgehend in der Gauliga Berlin-Brandenburg. Zehn Spielzeiten beendete man in der Regel im Mittelfeld.

Nach Ende des Zweiten Weltkriegs wurde der Spielbetrieb von den Besatzungsmächten umorganisiert. Minerva-Kicker traten in der SG Tiergarten zur ersten Berliner Nachkriegsmeisterschaft 1946/47 in der neu geschaffenen Stadtliga an. Mit der Gründung von BRD und DDR teilte sich 1949 auch der Ligabetrieb. Die Ostfußballer spielten nach der Einführung des Vertragsspielerstatus in eigenen Ligen. Die Stadtliga im Westen hieß nun Vertragsliga. Der Minerva-Vorstand meldete die Mannschaft für die Profiliga, trotz der limitierten spielerischen Mittel. Trainer Paul Böhm kreierte die »defensive Riegeltaktik«, in Kurzform: hinten dicht. Acht Spielzeiten konnte sich Minerva in der Liga halten, die Saison 1957/58 endete mit dem Abstieg.

Jeder Klub hat so seine Koryphäen. Bei Minerva ist das Bernd Patzke. 1962 ging er als einer der ersten Legionäre nach Belgien zu Standard Lüttich. 1963 holte er mit dem Verein den belgischen Meistertitel. 24mal kam Patzke zu einem Länderspiel im BRD-Dress. 1966 wurde er WM-Zweiter, 1970 WM-Dritter.

In Sachen Frauenfußball war Minerva vielen Vereinen einen Schritt voraus, die Frauenabteilung gibt es seit 1972. Erst zwei Jahre zuvor hatte der Deutsche Fußballbund (DFB) das Frauenfußballverbot aufgehoben. Die Minerva-Frauen spielten jahrelang in der 7er-Verbandsliga Berlins. In diesem Jahr hat es sie erwischt, sie steigen ab. Gottemeier kennt den Grund: »Wir waren ständig schwanger.«

Die Minerva-Männer bestreiten ihren Ligaalltag schon lange in unteren Gefilden. Die Blau-Gelben scheinen sich in der neunten Spielklasse, der Kreisliga A, eingerichtet zu haben. Öffentliches Interesse gibt es in diesen Regionen des Amateurfußballs eher nicht. Das soll am 24. Juni anders sein. »Unser Vierer-Traditionsturnier steht auf dem Programm«, sagt Gottemeier. Minerva trifft auf Blau-Weiß 90, BSV 92 und Hertha BSC (dritte Mannschaft, versteht sich). Ein Remake des Turniers von 1917, damals anlässlich des 25jährigen Bestehens von BSV 1892. Gottemeier will das Vereinsjubiläum nicht mit einer »Oldieveranstaltung« begehen. »Die Jungen sind jetzt am Zug« – mit ihrer Patronin als Flankenschutz, wie der Dauerpräsident betont.

Quelle: https://www.jungewelt.de/artikel/333819.defensive-riegeltaktik.html

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