Der Musterverein. Türkiyemspor Berlin: Deutschlands bekanntester migrantischer Fußballklub feiert sein 40jähriges Jubiläum

Lars Mrosko, 40, Trainer von Türkiyemspor Berlin, springt aus seinem Klappstuhl am Spielfeldrand, seine Stimme überschlägt sich fast: »Maaan, geht doch mal entgegen!« Rückstand, 1:2, kurz vor der Halbzeitpause im heimischen Stadion in Kreuzberg. Bis 2010 hieß es Katzbachstadion (nach einer Schlacht in Schlesien gegen Napoleon), nun heißt es Willy-Kressmann-Stadion (nach einem früheren SPD-Bezirksbürgermeister ).

Es ist der 8. April, ein sonniger Sonntag, 21. Spieltag in der ersten Staffel der siebtklassigen Landesliga gegen den Lichtenrader BC aus dem südlichsten Zipfel des alten Westberlin. Ein Unterklassen-Kick für die Kreuzberger – aber das war nicht immer so.

Rückblende: Fußballbegeisterte Jungs aus türkischen Einwandererfamilien bolzten mitten in SO 36 (benannt nach der alten Postleitzahl) auf dem Mariannenplatz vor dem ehemaligen Krankenhaus Bethanien. Der Freundeskreis gab sich den Namen »Kreuzberg Gençler Birliği« (Kreuzberger Jugendunion). Das war so um 1975, niemand von damals kann das mehr exakt sagen. Aus der losen Spieltruppe wurde im April 1978 ein eingetragener Verein: der BFC Izmirspor begann in der Freizeitliga. Kicks gegen Kneipenmannschaften auf Wiesen mit Karnickellöchern forderten die BFC-Spieler aber auf Dauer nicht heraus. Sie wollten in den offiziellen Ligabetrieb. Zur Saison 1983/84 bekam der Verein die Spielberechtigung für die unterste Spielklasse, die Kreisliga C.

Ein steiler Aufstieg folgte – Liga um Liga ging’s rauf. Und längst kamen die Spieler nicht mehr nur aus Izmir, sondern aus allen Regionen der Türkei. Deshalb im Januar 1987 der nächste Namenswechsel: Türkiyemspor Berlin – »Türkiyem«, was so viel wie »meine Türkei« heißt. Im selben Jahr gelang der Aufstieg in die Westberliner Oberliga, der höchsten Amateurspielklasse. Es war eine Saison mit viel Brisanz. Hertha BSC und Tennis Borussia stiegen aus der zweiten Bundesliga in die Oberliga ab, Blau-Weiss 90 spielte erstklassig. Der Saisonhöhepunkt: Zum ersten Match gegen Hertha im Moabiter Poststadion kamen 12.000 Zuschauer – Hertha gewann 2:0 vor mehrheitlich Türkiyem-Anhängern.

Die Aufstiegsserie von Türkiyemspor brachte den DFB in die Bredouille. Damit der migrantische Verein trotz der damaligen Ausländerregel überhaupt in den bezahlten Fußball hätte aufsteigen können, schuf der Verband 1990 die »Lex Türkiyemspor«: Wer mindestens sechs Jahre als nichtdeutscher Fußballer hierzulande in einer Jugendmannschaft gespielt hat, gilt seitdem als sogenannter Fußballdeutscher.

Für einige Gegner wurden Türkiyemspor-Spiele zum Ventil rassistischer Ausfälle. Verbale, aber auch physische Attacken gegen Türkiyem-Spieler und den Trainerstab gehörten beinahe zum Ligaalltag. Gegen Hertha Ende der 1980er Jahre war das so – und vor allem Anfang der 1990er Jahre bei Auswärtsspielen in der ostdeutschen Provinz.

Zum Aufstieg ins Unterhaus der Bundesliga reichte es jedoch nie, statt dessen stieg der Verein 1995 erstmals ab. Nach Jahren des Auf und Ab zwischen dritter und vierter Liga gab’s 2011 die Quittung für jahrelanges Missmanagement: Insolvenz. Seit der Saison 2013/2014 spielt Türkiyemspor in der Landesliga und damit tiefer als andere migrantische Klubs der Stadt. Trotzdem ist der Verein eine »Marke« geblieben. »Wir sind der migrantische Vorzeigeverein – das Zugpferd in Sachen Integration über Fußballsport«, sagt dessen sportlicher Leiter, Ecevit Özman.

Özman hat im Jubiläumsjahr noch viel vor: »Wir werden in den kommenden Tagen ordentlich die Werbetrommel rühren.« Beim 10jährigen Jubiläum, 1988, kam sogar der FC Bayern München zum Freundschaftskick. Uli Hoeneß soll – der Überlieferung nach – eine Zusage für ein weiteres Jubiläumsspiel gemacht haben. »Mal gucken, ob sich Hoeneß daran noch erinnern kann«, sagt Özman schmunzelnd. Er will ihn in den nächsten Tagen kontaktieren.

Am Spielfeldrand seine Elf zu dirigieren, ist nicht immer vergnüglich, jedenfalls nicht an einem Spieltag wie diesen: »Marino, trink‘ doch noch ’n Tee“, schreit Trainer Mrosko über den Platz und meint seinen »Zehner« Marino Stawrakakis, der indisponiert wirkt. Mrosko ist gebürtiger Neuköllner und bewies als Scout beim VfL Wolfsburg und den Bayern oft ein glückliches Händchen für Talente. In dem »korrupten Geschäft der Spielervermittlung«, wie er sagt, wollte er aber irgendwann nicht mehr mitmischen – und stieg aus. Özman überzeugte Mrosko vom Türkiyemspor-Konzept: beide wollen einen Verein mit gutem Ruf ohne den sportlichen Größenwahn früherer Klubchefs aufbauen. Und Türkiyemspor setzt weiterhin Maßstäbe. Mit der Mädchen- und Frauenabteilung, die seit 2004 besteht, und einem Flüchtlingsteam, das als drittes Herrenteam in der Kreisklasse B antritt.

Und wie sehen die sportlichen Ambitionen zum Vierzigsten aus? Ein Aufstieg steht in dieser Spielzeit nicht auf dem Plan. »Wir forcieren da nichts«, sagt Özman. Das Spiel gegen den LBC ging übrigens 2:3 verloren. Trainer Mrosko monierte drastisch eine »Dreckseinstellung meines Teams heute«. Aber Schwamm drüber. Alle schauen bereits jetzt auf den 20. Mai, dann gastiert der 1. FC Union im Katzbach-Stadion zur Feier des Jahres. Eingefädelt hat das Mrosko. Und vielleicht erinnert sich ja Uli Hoeneß wirklich an seine Zusage vor 30 Jahren.

Quelle: https://www.jungewelt.de/artikel/331072.der-musterverein.html

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