Der Talentschuppen. Sportliches Aushängeschild für Brandenburg: Beim SSV Lok Bernau trainiert Nachwuchs für Alba Berlin

René Schilling streicht sich mit Zeigefinger und Daumen über die Wangen, zupft kurz an seiner Vollbartspitze, klemmt die Taktiktafel unter den Arm und verschwindet kniend im Pulk seiner Spieler. Kurz vor Ende des zweiten Viertels nimmt er die zweite Auszeit. Nach einer raschen 7:0-Führung ist sein Team in Rückstand geraten, 29:44 heißt es zur Halbzeit. Schilling ist Basketball-Headcoach beim SSV Lok Bernau.

Was bleibt nach einer einminütigen Auszeit bei den Spielern hängen? »Die ein bis drei Infos müssen reduziert sein, die wichtigste zuerst«, sagt Schilling gegenüber jW. Oft gehe es darum, den eigenen Spielern einen Anstoß zu geben, den Rhythmus des Gegners zu stören. Das sollte Schilling gelingen, so richtig aber erst nach der regulären Spielzeit. Dazu später.

Zu Gast war im letzten Hauptrundenspiel der Saison in der dritthöchsten Spielklasse Pro B am vergangenen Samstag abend der MTV Herzöge Wolfenbüttel. Lok: Zweiter; Wolfenbüttel: Vorletzter. Nur auf dem Papier eine klare Sache. »In der Liga liegen die Teams ganz eng beieinander, Ergebnisse sind kaum prognostizierbar«, meint Teammanager Christian Leschke vor Spielbeginn im jW-Gespräch.

Basketball im Berliner Umland gibt es seit 1958, damals noch im DDR-Bezirk Frankfurt (Oder). Ricardo Steinicke, Lok-Pressesprecher, klärt auf: »In den Wintermonaten suchten die Bernauer Leichtathleten einen Ausgleichsport in der Halle.« Erich Wünsch, eigentlich Leichtathletikübungsleiter, gilt als der »Vater des Basketballs in Bernau«.

Die Basketballabteilung kam anfangs bei der BSG Empor Bernau unter, wechselte später zur TSG Einheit Bernau, um letztlich in der BSG Lokomotive Bernau aufzugehen. Nach der sogenannten Wende spielte der Verein von 2001 bis 2003 zunächst als Bernau Rim-Rockers und bis 2007 unter dem Label Barnim Rim-Rockers. Seitdem betreten die Basketballer die Hallen im Look des SSV Lok Bernau. Der Verein wechselte jahrelang von Pro B zur Regionalliga und zurück. In der Pro B Nord spielt Lok nun in der dritten Saison. (Die zweite Bundesliga im deutschen Basketball ist zweigeteilt – in eine leistungsstärkere eingleisige Pro A und in eine in Nord- und Südgruppe gesplittete Pro B.)

Lok Bernau ist seit 2016 das sogenannte Farmteam – eine Art Ausbildungsfiliale – des großen Nachbarn Alba Berlin. Von zwölf Korbjägern im Kader sind acht Doppellizenzspieler von Alba. Youngster, die auch bei Alba trainieren, dort aber meist nur wenig Einsatzzeiten bekommen. Spielpraxis holen sie sich bei Lok.

Jonas Mattisseck, 19, ist einer von ihnen. In der vergangenen Woche feierte er sein Debüt im Dress der A-Nationalmannschaft im Spiel gegen Israel, eingesetzt wurde er von Bundestrainer Henrik Rödl aber noch nicht. Bewähren musste er sich vor allem abseits des Parketts als »Rookie« – Schuhe seiner Nationalmannschaftskollegen einsammeln und verlustfrei von der Kabine in den Teambus schleppen, solche Dinge. »Das habe ich glänzend absolviert«, sagt Mattisseck augenzwinkernd gegenüber jW. Aber: Wie schmerzhaft ist der Spagat zwischen Leistungsträger in der Pro B und Ergänzungsspieler in der Basketballbundesliga? »Das Hin-und-her-Switchen zwischen den beiden Teams ist nicht schwer, beide haben eine ähnliche Spielanlage.« Klar, das Level sei unterschiedlich.

Lok Bernau, die »Krabbelgruppe« eines Erstligisten? Schilling lacht kurz auf, sagt dann: »Wir profitieren enorm von der Kooperation mit Alba und können deren Ressourcen nutzen.« Die Dichte an Spielerqualität sei sonst gar nicht denkbar. Leschke betont: »Unser Nachwuchskonzept mit Alba ist langfristig angelegt.« Und Lok ist als bestes Brandenburger Basketballteam ein sportliches Aushängeschild.

Zurück zum Spiel. Schillings Starting Five ist besser aus der Kabine gekommen, holt Punkt um Punkt auf. Der US-Amerikaner Quadir Welten, einziger Vollprofi im Team, reißt die knapp 650 Zuschauer mit einem Dunking drei Sekunden vor der dritten Viertelpause von den Sitzen. Anschluss: 60:62.

Im Dauerstress ist auch der Zeugwart. Die dunkelblauen Jerseys zum Überziehen für die ein- und ausgewechselten Akteure reiht er fein säuberlich aneinander, Rückennummer und Spielernamen nach oben. Die Trinkflaschen mit den Spielernummern auf dem Drehverschluss stehen im Getränkekasten, immer griffbereit. Auf dem Tisch direkt an der Teambank ein Stilleben auf einem Pappteller: Bananen, noch nicht ganz reif, eine Handvoll Müsliriegel, Haselnuss, zwischendrin Schokoladenstreifen mit dem bekannten Kinderlächeln.

Letztes Viertel. Leschke rutscht unruhig auf seinem Stuhl hin und her, beide Handflächen an seiner Jeans reibend. Rottöne wechseln mit Faltenspielen an Stirn und Nacken. Mal führt Lok, mal liegen die Herzöge vorn. Schlusssirene – 76:76. Verlängerung, fünf Minuten extra.

Der Bann ist gebrochen. Schnell ziehen die Lokisten in der Overtime davon. Mattisseck trifft von der Dreipunktelinie zum 86:80 und 91:82, die Vorentscheidung. Endstand 95:84. Lok Bernau beendet die Hauptrunde auf Rang zwei.

»Ich sehe mein Team im Halbfinale«, sagt Schilling selbstbewusst. Am Samstag steht die erste Play-off-Partie, das Achtelfinale, an. Lok hat Heimrecht, Gegner sind die Ulmer als siebentplazierte der Südgruppe. »Über Ulm wissen wir noch nicht viel, außer dass es weit weg liegt.«

Quelle: https://www.jungewelt.de/artikel/350263.basketball-der-talentschuppen.html?fbclid=IwAR2hHb77kjcY3lm8lY3isFda-7ZUDBbgvHXn2FVw2D_CzA7QbBJi8zsGAeU

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