»Der Verband ist in der Pflicht«. Der Österreichische Skiverband steht unter Druck: Ehemalige Rennläuferinnen berichten von Vergewaltigungen. Ein Gespräch mit Rosa Diketmüller

Vor den Olympischen Winterspielen in Pyeongchang geriet vor allem der Österreichische Skiverband ÖSV wegen des Vorwurfs sexualisierter Gewalt gegen Athletinnen in die Kritik. Im Zentrum stehen der frühere Erfolgstrainer Karl »Charly« Kahr, der nun seinerseits eineehemalige Skirennläuferin wegen übler Nachrede verklagt hat, aber auch die verstorbene Skilegende Anton »Toni« Sailer. Sportminister Heinz-Christian Strache von der FPÖ sprach u. a. von einer »miesen Kampagne« gegen Sailer und der ÖSV-Präsident Peter Schröcksnadel von »Verschwörungstheorien«. Wie beurteilen Sie diese Stellungnahmen?

Aus Studien wissen wir, dass die erste Reaktion auf Verdachtsfälle sexualisierter Gewalt oft Ungläubigkeit ist. Man kann sich das nicht vorstellen, möglicherweise will man sich das auch nicht vorstellen. Besonders dann nicht, wenn eine Ikone wie Toni Sailer im Zusammenhang mit einem Vergewaltigungsvorwurf einer ehemaligen Athletin genannt wird.

Wenn von den Spitzen aus der Regierungs- und Verbandspolitik derartige Töne kommen, muss es Betroffenen nicht doppelt schwerfallen, sexuelle Übergriffe öffentlich zu machen?

Die #MeToo-Debatte hat einiges in Bewegung gebracht – auch und gerade im Sport. Ohne die früheren Aussagen von Verantwortlichen aus Politik und Verbandssport entschuldigen zu wollen, habe ich den Eindruck, dass sie jetzt die Aufklärung der Verdachtsfälle voranbringen wollen. Der ÖSV-Präsident hat angekündigt, eine Kommission mit externen Experten einzurichten, die unabhängig arbeiten soll. Auch dem Sportminister ist klar, dass er als Ressortchef eine Verantwortung gegenüber den Athletinnen und Athleten hat. Deshalb hat das Sportministerium auch eine Studie zu sexualisierter Gewalt im Sport in Auftrag gegeben.

Sind Vereine und Verbände aus dem Leistungssport noch immer elitäre Zirkel mit klaren Machtstrukturen?

Athletinnen befinden sich in Abhängigkeitsverhältnissen im männlich dominierten System Sport – keine Frage. Traditionelle Führungskulturen und autoritäre Strukturen in Vereinen und Verbänden erschweren, dass Leistungssportlerinnen gegen den Trainerstab, Verbandsfunktionäre oder auch Sponsoren ihre Stimme erheben. Wenn der Trainer als Autoritätsperson zu dir sagt: »Du bist ein Toptalent, und ich bring’ dich an die Spitze«, dann ist das auch ein Druckmittel. Hier zu sagen, ich steige aus und beende meine Karriere, fällt leistungsorientierten Sportlerinnen extrem schwer.

Aber: Da viele Medien über Fälle von sexualisierter Gewalt im Sport berichten, ist es für Athletinnen leichter geworden, intern und extern zu verbalisieren, wo ihre Grenzen sind. Sie wissen, der Verband ist in der Pflicht, Fällen nachzugehen. Das ist eine andere Situation als früher.

Dennoch: Braucht es eine Demokratisierung in Vereinen und Verbänden, damit Athletinnen besser geschützt sind?

Eine Demokratisierung muss auch mit einer Professionalisierung der Vereins- und Verbandspolitik einhergehen. Einerseits geht es um eine Stärkung von Athletenrechten, um Mitsprache und eine offene Diskussionskultur. In diesem Zusammenhang verändert sich auch das Selbstverständnis von Trainern – sie sind nicht mehr die Alleinentscheider, sondern bilden mit den Athleten ein Team.

Andererseits muss das Personal in den Vereinen und Verbänden zum Thema sexualisierte Gewalt geschult werden, damit Verdachtsfälle schneller erkannt und Schritte eingeleitet werden können, um Betroffene zu unterstützen. Wir stellen als Verein »100% Sport« Referentinnen und Referenten für Qualifizierungsmaßnahmen bereit und verbreiten Informationsbroschüren als Handreichung für Vereine und Verbände. Aber klar, es gibt weiterhin einen Nachholbedarf hinsichtlich der Demokratisierung des Sports.

Was kann präventiv gegen potentielle Täter unternommen werden?

Die aktuelle öffentliche Debatte beugt bereits vor. Eine Grundvoraussetzung ist ein offizielles Statement für Sicherheit und Respekt und gegen sexualisierte Gewalt im Sport. Das gibt es seitens der Politik und Verbände in Österreich seit dem November 2015. Und nicht zu vergessen: ein polizeiliches Führungszeugnis verlangen, auch im Ehrenamt. Das, was in der Kinder- und Jugendarbeit gilt, sollte auch im Sport selbstverständlich sein. Vereine und Verbände sollten geschulte Vertrauenspersonen benennen, die direkte Kontakte zu Anlaufstellen für Opfer sexualisierter Gewalt vermitteln können. Generell gilt: Je informierter und selbstsicherer Athletinnen und Athleten auftreten, um so weniger wahrscheinlich werden Übergriffe.

  • Rosa Diketmüller ist Sportwissenschaftlerin an der Universität Wien. Sie forscht zu Geschlechterdemokratie im Sport und ist Leiterin der AG »Prävention sexualisierter Gewalt« im Verein »100% Sport«

Quelle: https://www.jungewelt.de/artikel/330307.der-verband-ist-in-der-pflicht.html

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