»Der Verein braucht euch nicht.« Fans fühlen sich von Tennis-Borussia-Boss Jens Redlich um ihren Klub betrogen – und müssen sich erst wieder sortieren

Die aktive Fanszene des Fünftligisten Tennis Borussia Berlin (TeBe) hat in den vergangenen Wochen einige Tiefschläge wegstecken müssen. Zuerst brannte Mitte Dezember der Fancontainer ab, dann, Mitte voriger Woche, unterlagen Anhänger im vereinsinternen Machtkampf gegen TeBe-Boss und Investor Jens Redlich.

Zur Vorgeschichte: Im April 2016 stieg Redlich, geschäftsführender Gesellschafter einer Fitnesskette, beim Charlottenburger Klub als Hauptsponsor ein. Ein dreiviertel Jahr später stand TeBe vor der Insolvenz, mal wieder. Redlich öffnete seine Schatulle und stopfte eigenen Angaben zufolge die Etatlücke.

Der Geldgeber wurde Vorstandsvorsitzender des Vereins. Und prompt begannen die Querelen mit linksorientierten Fans der Vereinsabteilung TBAF (Tennis Borussia Aktive Fans). Einen Mitgliederbeschluss zum Hissen der Regenbogenfahne im heimischen Mommsenstadion wollte Redlich »nur als Empfehlung« verstanden wissen, sagt Christian Rudolph, TBAF-Mitglied und Initiator von Fußballfans gegen Homophobie, im jW-Gespräch. Aktive Fans setzten sich in der Fahnenfrage noch einmal durch. Redlich ging weiter auf Konfrontationskurs, schrieb im TeBe-Fanforum: »Der Verein braucht euch nicht.«

Anhänger werfen dem Klubboss »autokratisches Verhalten« vor, den Verein wolle er nach seiner Fasson ummodeln. TBAF-Mitglieder beantragten eine außerordentliche Mitgliederversammlung, um über den Kurs der Vereinspolitik abstimmen zu lassen. Unter anderem standen Nachwahlen zum Kontrollorgan Aufsichtsrat (AR) an. Fünf Posten mussten wegen des Rücktritts mehrerer AR-Mitglieder nachbesetzt werden. Zehn Kandidaten stellten sich am vergangenen Mittwoch zur Wahl. Showdown.

Etwa 570 stimmberechtigte Mitglieder erschienen oder ließen sich durch andere Mitglieder vertreten, vier- bis fünfmal so viele wie sonst. Darunter Dutzende Neumitglieder, die Altfans zufolge erst wenige Tage vor der Mitgliederversammlung (MV) vom Vorstand rekrutiert worden waren. Bauarbeiter mit bulgarischen Pässen und Angestellte aus Fitnessstudios zum Beispiel. »Dass die ›Akquise‹ seitens des Vereinsführung so weit führen sollte, Neumitglieder im Reisebus vorfahren zu lassen, hatten wir nicht erwartet«, gesteht TBAF-Mitglied Dennis Wingerter gegenüber der jW.

Das Manöver ging auf: Eine komfortable Zweidrittelmehrheit sicherte die Wahl der fünf dem Vorstand nahestehenden Kandidaten für den Aufsichtsrat. Anekdote: Diese fünf Wahlvorschläge standen auf dem Abstimmzettel ganz oben. Medienvertreter waren nicht zugelassen; unter dem Hashtag »#tebemv« gelangten aber Informationen vom Tagungssaal in die virtuellen Kanäle. Und die hatten es in sich: Von tumultartigen Szenen mit Handgreiflichkeiten während der MV war da die Rede. Selbst Juso-Chef und Ex-TeBe-Aufsichtsrat Kevin Kühnert meldete sich via Twitter zu Wort: »Mit Tennis Borussia wird heute ein Traditionsklub nach allen Regeln der Kunst gekapert.« Redlichs Anhänger sprachen hingegen von einem »Sieg der Demokratie.«

Liefen die Wahlen satzungsgemäß ab? Christian Gaebler (SPD), Chef der Berliner Senatskanzlei und TeBe-Aufsichtsrat, sagte kürzlich dem Tagesspiegel: »Was hier passiert ist, ist schon sehr am Rande dessen, was die Satzung hergibt.« Aber wohl auch nicht darüber hinaus, weshalb niemand das Wahlprozedere anfechten dürfte.

»Wer das Geld hat, hat die Macht«, nach dieser Devise scheint Redlich zu verfahren. Und wer Macht hat, kann in die Offensive gehen. In einer Stellungnahme vom 1. Februar wirft der Vorstand Mitgliedern der TBAF vor, die MV massiv gestört zu haben und beleidigend gegen Neumitglieder wegen ihrer Herkunft aufgetreten zu sein. Der Vorstand, so heißt es, behalte sich »rechtliche und vereinsrechtliche Schritte gegen einzelne bekannte Fans« vor. Anzeigen seien von Vereinsseite nicht gestellt worden, sagt Redlich auf jW-Anfrage. Aber: »Ein Ausschluss von einzelnen Fans aufgrund von vereinsschädigendem Verhalten wird geprüft.«

Der Clinch zwischen Kühnert und Redlich ist sinnbildlich für den Vereinszustand. Keck kommentierte Kühnert das Klubstatement via Facebook: »Das Zentralkomitee hat gesprochen.« Redlich konterte: »Wenn abgebrochene Politikstudenten, die noch nie in ihrem Leben gearbeitet haben, Menschen diskreditieren, dann ist es schlecht um unser Land bestellt.« Kühnert konterte den Konter: »Spatzi, wenn abgebrochene Politikstudenten und anderes Pack nicht diesen Verein gerettet hätten, dann könntest Du heute nicht unter jeden Kommentar schreiben, dass Du dessen Vorsitzender bist. So einfach ist das.«

Und nun? Nach den Mitgliedervoten waren die Fans in einer Schockstarre. »Wir haben gekämpft, aber nicht gewinnen können«, sagt Rudolph. Die kleine TeBe-Fanszene müsse sich erst einmal wieder sortieren, ergänzt Wingerter. Resignation? Keine Spur: »Wir holen uns unseren Verein zurück«, betont Rudolph. Den Verein, nicht die Mannschaft, die einige in den Foren als »Söldnertruppe« bezeichnen. Wingerter prophezeit: »TeBe-Spiele werden in nächster Zeit wohl nur noch die wenigsten besuchen.«

Quelle: https://www.jungewelt.de/artikel/348699.fu%C3%9Fball-der-verein-braucht-euch-nicht.html

Ein Kommentar

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