Der wahre Unioner. Peter Stark ist ein Urgestein des Westberliner Fußballs

Die ersten sind bereits morgens kurz nach halb vier da. Auf dem Fruchthof in der Beusselstraße in Berlin-Moabit. Zu den Frühaufstehern gehört Peter Stark. Seit Jahrzehnten beginnt sein Werktag im Morgengrauen. Sechsmal die Woche öffnet er Kartons, um Frische und Qualität zu checken. Er ist aber nicht nur ein Obst- und Gemüsehändler, er ist so etwas wie das Urgestein des Westberliner Fußballs.

»Erst der Job, dann der Sport«, betont Stark. Mit 15 musste er bei seinen Eltern im Laden in der Moabiter Paulstraße aushelfen. Sein Vater, ein früherer Deutscher Meister in der Disziplin Bankdrücken im Gewichtheben, führte das Familienregiment: »Eine harte Schule, Widerrede gab es damals nicht.«

Der Junge aus Moabit bolzte zwischen den Resten von Kriegstrümmern und den monotonen Häuserreihen des Westberliner Aufbauprogramms. Der Verein um die Ecke, der SC Union 06 Berlin, wurde seiner, für immer. »Die West-Unioner sind die wahren Unioner«, meint Stark. Heute kennt man vor allem die Ost-Unioner aus Köpenick, die in der Zweiten Bundesliga um den Aufstieg mitspielen.

Zuerst gab es den FC Olympia Oberschöneweide, 1906 gegründet von Lehrlingen aus den Industriebetrieben AEG und N.A.G. Ab 1909 nannten sie sich SC Union Oberschöneweide. Der größte Erfolg war 1923 der Einzug ins Finale um die Deutsche Meisterschaft gegen den Hamburger SV. Der HSV siegte glatt mit 3:0.

1950 kam der Bruch. Ein besonders komplizierter. Obwohl es schon eine DDR-Liga gab, spielten die Ostberliner Klubs noch um die Stadtmeisterschaft mit, aufgrund des Berlin-Statuts. Aber nur bis die Westberliner Klubs den Vertragsspieler einführten, worauf die Ostberliner ihre Mannschaften zurückzogen. Union Oberschöneweide hatte sich 1950 zum zweiten Mal für die Endrunde der Deutschen Meisterschaft qualifiziert, an der sich aber ansonsten keine Ostklubs mehr beteiligten. Infolgedessen erhielten die Spieler von den sowjetischen Behörden keine Interzonenpässe, um in Kiel das Halbfinale zu spielen. Daraufhin siedelte fast das ganze Team in den Westsektor um und trat dann als Union 06 in Kiel an (und verlor 0:7, wieder gegen den HSV). Der Restkader kickte als BSG Motor Oberschöneweide in der DDR-Oberliga. Schließlich wurde nach mehreren Namenswechseln erst 1966 der 1. FC Union gegründet.

Peter Stark also spielte beim Union­klub aus Westberlin. Als er 17 war, standen die Talentsucher von Hertha BSC bei seinen Eltern in der Wohnküche, um den drahtigen Ballkünstler anzuwerben. Doch der Vater sperrte sich. Er wollte seinen Sohn nicht öfter auf dem Sportplatz als hinter dem Marktstand sehen. Die Branche florierte damals. »Der Obst- und Gemüsehandel war früher eine Gelddruckmaschine – es gab keine Discounter, die die Preise drückten«, sagt Stark. Aber nicht nur der Job hinderte ihn an einer steilen Karriere. Eine Tuberkuloseerkrankung warf den jungen Fußballspieler zurück. Unter den Folgen leidet er heute noch manchmal.

Stark hat dennoch einiges erreicht: Länderspiele mit der Amateurnationalmannschaft unter Erich Ribbeck 1979 zum Beispiel. »Wäre mein Händlerjob nicht gewesen, ich wäre Spieler in der A-Nationalmannschaft geworden – mit Sicherheit«, sagt er selbstbewusst. Erst mit 30 nahm er eine Offerte von Blau-Weiß 90 an. Das war 1983. In seiner ersten Saison mit Stark gelang Blau-Weiß der Aufstieg in den bezahlten Fußball, in die Zweite Bundesliga. Aber ein Profitum stellt man sich anders vor. »Ich stand samstags bis um dreizehn Uhr auf dem Winterfeldtplatz, um Obst und Gemüse zu verkaufen. Anschließend musste ich mich beeilen, um rechtzeitig zum Aufwärmen bei der Mannschaft im Olympiastadion zu sein,« sagt er. Anfangs hatte er nicht einmal einen gültigen Vertrag für die Zweitligasaison: »Eine Situation, die sich heute kaum mehr einer vorstellen kann.«

Zwei Jahre später dann der Höhepunkt. Die Blau-Weißen stiegen in die Erste Bundesliga auf, und der Lokalrivale Hertha rutschte in die drittklassige Oberliga Westberlins ab. Doch der Doppeljob zwischen Marktstand und Fußballfeld ermüdete Stark. »Bei Auswärtsspielen war ich immer eine Klasse besser«. Denn mit einer extra Portion Schlaf konnte der Kapitän mit Vokuhila, Schnauzer und Silberkette ausgeruht vom Mannschaftshotel ins Match gehen. »Ich war ein richtiger Stinkstiefel.« Blau-Weiß war nur eine Saison erstklassig. Aber: »Wir haben 15 Spiele in der Bundesliga nicht verloren.« Für einen Aufsteiger sei eine solche Bilanz gar nicht so schlecht.

Stark musste aber auch erleben, wenn man von Vereinsseite aus nicht mehr gefragt ist – ausgemustert wird. Da war er 36. »Daran hatte ich echt zu knabbern.« Er hängte noch eine Saison bei Hertha 03 in der Oberliga dran. Anschließend kehrte er nach Moabit zurück und ist heute Sportdirektor bei Union 06 in der achten Spielklasse, der Berliner Bezirksliga. Seine Maxime lautet: »Solange ich lebe, überlebt auch Union 06.«

Sonntag für Sonntag trifft man Stark bei seinen Unionern. Das Energiebündel kommentiert gestenreich jede Spielszene. Dauerstress mit 63 Jahren. Die Spielstätte der West-Unioner, ein betonharter Kunstrasen, liegt im Schatten zwischen der Rückseite der hölzernen Haupttribüne des Poststadions und der verwitternden Außenmauer des früheren Frauenknasts in der Lehrter Straße. Stark ist mit der Lage zufrieden. In Rage gerät er, wenn sich seine Jungs auf dem Platz »nicht zerreißen.« Und er? »Montag früh steh’ ich wieder auf der Matte, um meine Kunden zu beliefern.«

Quelle: https://www.jungewelt.de/artikel/321965.der-wahre-unioner.html

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