Die kleine Erzählung – das Bekennerschreiben.

Militante Linke. Mit dem Bekennerschreiben legitimieren die Klandestinen der radikalen Linken ihre Propaganda der Tat. Die „Selbstbezichtigung“ als unorthodoxe Pressearbeit. Von Oliver Rast

„Linksextremisten bekennen sich zu Brandanschlag“, „Bekennerschreiben aufgetaucht“ oder „Linke übernehmen Verantwortung für Krawalltour“. So oder so ähnlich wird geschlagzeilt, wenn militante Aktivitäten in der Presse besprochen werden. Oft schlagzeilen aber auch die Verursacher*innen von Strassenriot, Glasbruch und Brandfleck über eigens formulierte Schriftstücke: das Bekennerschreiben. Ein verkanntes literarisches Genre. Meinung wird gemacht, diesseits und jenseits der Barrikade.

Untergrundliteratur

Die inhaltliche Vermittlungsform klandestiner Militanter ist in der Regel das Bekennerschreiben, das Selbstbezichtigungsschreiben (SBS), wie es im Amtsdeutsch heißt. Diese informelle literarische Gattung ist mal lesenswerter, mal weniger lesenswert – wie andere Literaturen auch.

Zum Bekennerschreiben gehört der fixe Einstieg, die Genre-Erkennung: „Wir haben in der Nacht zum xy den Fuhrpark des Sicherheitsunternehmens xy in der xy Straße mit Brandsätzen angegriffen.“ Aktion als Angriff.

Der Einzeiler hat Kultstatus, verknappt aber sehr. Die Vorliebe zur Einsilbigkeit bei klandestinen Militanten ist dennoch ungebrochen. Das Erklärungsmodell „eine Aktion – ein Satz“ ist etwas für Schreibfaule, die dafür aber möglicherweise umso mehr Einzeiler produzieren, weil sie kontinuierlich ihrem Tatendrang nachgehen.

Bisweilen zeigt sich der Auftaktsatz bei Erklärungen zur Tat variantenreich. Mit überraschend unkonventionellen Redewendungen ohne sattsam bekannte Signalwörter, theatralische Parolenhalbsätze mit doppelt-dickem Ausrufezeichen und martialischem Grundton. Einige der „SBS“, die im Kontext der „militanten Kampagne“ gegen den im Juli des Jahres in Hamburg stattfindenden G20-Gipfel verbreitet wurden, fallen auf. Zwei Leseproben: „Für diejenigen, die regelmäßig zum Jobcenter müssen, stellt sich nicht die Frage, warum wir die Bude angezündet haben, sondern vielmehr: Warum erst jetzt?“ Ja, das kann man sich fragen. Oder: „Im Sommer hat es uns die Sprache verschlagen, ja wirklich, wir kamen aus der Schnappatmung kaum mehr heraus. Uns beschäftigte lange die eine Frage: Welcher Vollidiot hat beschlossen, einen Gipfel der größten Industrienationen in den Hamburger Messehallen zu veranstalten, im Herzen eines linksalternativen Viertels?“ Ja, auch das kann man fragen.

Mit literarischem Verpackungsmaterial wird in Bekennerschreiben gespart. Um die Einhaltung des offiziellen Regelwerks von Grammatik und Orthografie wird sich in den Texten kaum geschert. Stilistische Schnitzer, windschiefe Metaphern und unauflösbare Satzketten gehören einfach dazu.

Die Genre-Kritiker*innen aus der militanten Linken stellen zwei Grundregeln auf, damit auf die kleine Erzählung der Nacht- und Nebelaktivität generell verzichtet werden kann. Erste Grundregel: Der Aktionsort muss so ausgewählt sein, die Aktion muss so durchgeführt werden, dass unmittelbar erkennbar wird, hier fand eine „linksradikale Veranstaltung“ statt. Die Verweiger*innen eines Tatbekenntnisses stellen sich vor, so die zweite Grundregel, eine militante Aktion müsse sich von selbst vermitteln, sonst hätte sie bereits ein militantes Kernziel verfehlt.

Die Befürworter*innen einer Anschlagserklärung bringen dagegen vor, dass militante Aktionen nicht umstandslos von den Rezipient*innen verstanden werden (wollen). Das setze viel Grundverständnis bei jenen voraus, wo Unverständnis oft grassiert. Um Fehlauslegungen gleich zu begegnen, sei es besser, mit einer Texterklärung des eigenen Schaffens zu arbeiten. Das mute etwas pädagogisch an, verhindere aber Fake News den Zugang ins gedruckte Blatt oder auf die Websides virtueller Nachrichtenportale.

AgitProp-Instrument

Das Bekennerschreiben liefert die Propaganda-Folie der radikalen Linken. Es funktioniert als PR-Mittel des „Primats der Praxis“. Die „herrschenden Medien“ sind für klandestine Militante unsichere Kantonist*innen, keine verlässlichen Berichterstatter*innen. Deshalb bringen sie die Eigenleistung auf, einen Bekenner-Brief aufzusetzen, einzutüten und abzuschicken.

Oft ist der Kreis der Adressat*innen eines Bekennerschreibens nicht so ohne weiteres auszumachen. Rufen die Verfasser*innen die Klandestinen der militanten Szene an? Ist die Linke in ihrer Breite gemeint? Wenden sich die schreibenden Aktivist*innen an Angehörige der Unterklassen? Oder ist das Tatbekenntnis doch in erster Linie an Medien gerichtet?

Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass von einem „B-Brief“ in den Redaktionen Notiz genommen wird. Und tatsächlich, die Aufmerksamkeitskurve steigt in den „Newsrooms“, wenn ein Bekenntnis zu einer militanten Aktion verbreitet wird. Ein x-beliebiges Elaborat aus den linksradikalistischen Diskussionszusammenhängen bleibt dagegen in der Regel ohne Wertschätzung.

Aktivist*innen der Propaganda der Tat haben mit ihrem Bekennerschreiben eine reelle Aussicht, dass ausgewählte Absätze, zitierfähige Halbsätze oder einzelne aussagekräftige Schlagwörter aus einer solchen Mitteilung Eingang in Presseveröffentlichungen finden. Nicht nur bei sympathisierenden Mediengrößen wie „linksunten indymedia“, sondern bei der viel breiter streuenden „bürgerlichen Presse“.

Das Mitteilungsbedürfnis der Aktivist*innen kann dazu führen, über den eigentlichen Sachverhalt eines Anschlags (Ort, Zeit, Objekt, Motiv) inhaltlich hinauszugehen. Bekennerschreiben können mit einem Diskussionsbeitrag verknüpft werden. Die „Selbstbezichtigung“ ist im Schreiben lediglich der Aufmacher, um zu Debattenpunkten überzuleiten. Anschlagserklärung und Textbeitrag verschmelzen zur „informationellen Paketlösung“.

Bei einer episch langen Aufzählung von Kontexten der extralegalen militanten Aktivität neigen einige Bekennerschreiber*innen zu der Gefahr, seminaristisch zu überfrachten. Das Bekennerschreiben verliert seinen Mustercharakter. Und sowieso: Es ist nie ganz klar, ob die Erklärung die Aktion aufwertet, weil sie nur „symbolisch“ ist, oder aber, ob die Erklärung die Aktion inhaltlich flankiert, weil sie „materiell“ ist. Im ersten Fall handelt es sich in erster Linie um ein Bekennerschreiben mit beigefügter Aktion. Mit der Aktion konnte zwar „demonstriert“, aber nicht „interveniert“ werden. Im zweiten Fall handelt es sich um eine Aktion mit nachgereichtem Bekennerschreiben. Mit der Aktion wurde nicht nur auf eine potentielle „Interventionsfähigkeit“ verwiesen, sondern – zum Beispiel – konkret eine Infrastruktur beschädigt. Oft ist es eine Interpretationssache, eine Frage der Lesart, wie die Aktionsform bewertet wird.

Ein Indiz gibt es. Wenn viel Schreibenergie von den Tatausführenden aufgebracht wurde, um die Begründungszusammenhänge für die Aktion aufzubieten, dann kann das ein Fingerzeig sein, dass das Gerede von dem Getue eher ablenken als hinführen soll. Aber auch hier gilt wie überall: bloß keine Verallgemeinerung.

Der Ablageort für das Bekennerschreiben ist umstritten. Die risikofreudigen Streifzügler*innen hinterlassen das Bekennerschreiben vor Ort, in direkter Nachbarschaft zum Aktionsgeschehen. Andere reichen dass Schreiben postalisch nach. An eine oder mehrere Gazetten bürgerlicher Provenienz, früher standardmäßig an die Untergrundblättchen „radikal“ und „Interim“, heute eher virtuell ans Portal „linksunten indymedia“. Wahlweise werden am „Tatort“ Schriftzüge mit politischen Inhalten hinterlassen, die einen sofortigen Bezug zwischen Aktionsort und Aktionsabsicht herstellen sollen. Sofortvermittlung nennt sich das.

Labelfrage

Wie wird ein Bekennerschreiben abgezeichnet? Unter welcher Namensgebung? Mit Logo? Das Bedürfnis, sich von Medienvertreter*innen identifizieren zu lassen, besteht. Man spricht und schreibt halt gern mit Namen. Eine Direktansprache Klandestiner für einen indirekten Dialog mit Medien.

Vielleicht ist das ein gegenseitiges Übereinkommen. Ein stilles Win-Win. Die Aktivist*innen haben ihre Meldung. Die Blattmacher*innen haben die Offerte auf dem Tisch liegen, ihre Seiten mit Polit-Crime füllen zu können. Polit-Crime, den sie auch noch munter runter kommentieren können, wenn sie es wollen.

Allerdings ist die Labelfrage ein Streitpunkt in der radikalen Linken. Und das nicht erst seit gestern. Die alte Kontroverse „Markenname vs. no name-Variante“ ist weiterhin akut. Das Pro und Contra wird von Befürworter*innen und Gegner*innen hin und her gewälzt. Das ist fast eine Glaubensfrage.

Die einen argumentieren, dass sich eine kontinuierliche militante Politik unter anderem nur über ein fixes Signet positionieren lässt. Eine solche Gruppe stellt sich bewusst in einen Organisationskontext und dokumentiert ihre Dialogbereitschaft über die militante Aktion hinaus. Die anderen kontern, dass sich die Repressionsgefahr bei der Verwendung eines stets verwendeten Namenszugs erhöhen würde. Zudem sei ein „Namensfetischismus“ eine autoritäre Marotte, die mit einem undogmatischen linksradikalen Verständnis unvereinbar sei.

Die Initiator*innen der „militanten Kampagne“ zum bevorstehenden G20-Gipfel haben einen „Mittelweg“ geebnet. Aktivist*innen, die sich militant versuchen, stellen ihre Aktion in den Kampagnen-Kontext. Mit einer schlichten Bemerkung, dass sie ihren klandestinen Akt als Beitrag zur militanten Mobilisierung gegen das Gipfel-Treiben verstanden wissen wollen.

Einige Erklärungen zu Taten waren ein doppeltes Fanal. Mit den Schreiben wurde nicht nur die extralegale Aktion legitimiert, sondern die Phase eines neuen „Kampfabschnitts“ eingeleitet. Drei Geschichten um Taterklärungen, die nicht nur Pressereflexe und Empörungskorridore auslösten, sollen als Belege reichen.

Die Rote Armee aufbauen!“ Das Taufzeugnis der Rote Armee Fraktion (RAF) nach der Befreiung von Andreas Baader Mitte Mai 1970 war ein klassisches Fanal. Die Stadtguerilla, die bereits in Südamerika Furore machte, erreichte die Zentralstaaten des kapitalistischen Westens. Der bewaffnete Kampf in der organisatorischen Form einer Stadtguerilla hatte nun gleichfalls die Bundesrepublik Deutschland ereilt.

Die Entführung aus unserer Sicht“. Die Flugschrift der Bewegung 2. Juni, die massenhaft dank zahlreicher Sympathisant*innen Westberliner Briefkästen füllte, bilanzierte das Kidnapping des damaligen CDU-Kandidaten für das Amt des Regierenden Bürgermeisters, Peter Lorenz, im März 1975 zensurfrei und öffentlich. Ein PR-Coup.

Auch Kugeln markieren einen Schlußstrich“. Das Erstlingswerk der militanten gruppe (mg) von Mitte 2001. Die erklärte Verschickung von Patronen an Vertreter*innen der so genannten Stiftungsinitiative für die Entschädigung der NS-Zwangsarbeiter*innen war der Eintritt der (mg) in die Arena der klandestinen Unterwelt der radikalen Linken. Eine mehrjährige Debatte um Voraussetzungen, Möglichkeiten und Grenzen militanter Politik folgte.

Resonanzboden

Auch klandestine Militante müssen sich ihren publizistischen Raum erstreiten. Sie wollen über ihre Praxis öffentlich werden. Ohne mediale Resonanz existierst du als Trupp nicht. Jedenfalls nicht für Meinungsproduzent*innen. Und diese müssen registrieren, dass es eine Aktion x zu einem Zeitpunkt y unter welchem Vorwand von welcher Gruppe auch immer gegeben hat.

Bleibt die extralegale Freizeitbeschäftigung in der tiefen Nacht am Folgetag unbeachtet, kann das bei dem militanten Aktiv eine melancholische Grundstimmung auslösen. Nichts in den örtlichen Tagesmeldungen? Nichts im Videotext des Regio-TV? Nichts in den Nachrichtenschleifen von Radiostationen aus Stadt und Land? Bleibt das mediale Abscannen ohne Befund können Selbstzweifel aufkommen, ob überhaupt etwas passierte. Funktionierte der Zündmechanismus? Wurde der Brandherd zu früh entdeckt und gelöscht? Wird die Tat aus ermittlungstaktischen Gründen gedeckelt? Wenn ja, warum? Eine Kolonne von Fragen, die in Gang kommt.

Das Lamentieren um die fehlende Presseresonanz treibt wundersame Blüten. Schnell sind die Enttäuschten mit Mutmaßungen zur Hand: Zensur! Ganz, ganz oft völliger Quatsch! Nicht jedem Aktiönchen gelingt der Sprung in die Öffentlichkeit. Die interessiert sich nicht voraussetzungslos für das militante Treiben der radikalen Linken.

Mit Ignoranz können viele klandestine Militante schwer umgehen. Das soll kein Vorwurf sein, wird doch von den Militanten während des abendlichen Ausflugs viel riskiert. Dieser Egozentrismus ist hoffentlich auch nicht gleich eine narßistische Persönlichkeitsstörung.

Apropos „linksunten indymedia“. Das Forum der radikalen Linken ist zum beliebten Netz-Tummelplatz von Journalist*innen avanciert. Vor allem für lokale Großstadtjournalist*innen. Sie saugen die dort platzierten Informationen zu Demonstrationen, bevorzugt zu militanten Aktionen, ab. Mit dem Hinweis „wie auf einer einschlägigen linksextremistischen Internetseite veröffentlicht wurde“, destillieren sie Inkriminiertes für die Spalten ihrer Gazetten aus der autonomen Informationsquelle.

Bekennerschreiben sind für die Gegenseite gleichfalls eine wichtige Informationsquelle. Als potentieller Spurenträger. Und das in mehrfacher Hinsicht. Nicht nur der obligatorische DNA-Abgleich, auch sprachwissenschaftliche Untersuchungen werden anhand des verschrifteten Spurenmaterials vorgenommen. Die Suche nach Übereinstimmungen oder Gemeinsamkeiten zu früheren Anschlägen und Bekenntnissen mobilisiert die Ermittler*innen.

Die Datenbank der Fahndungsbehörden erhält ein weiteres Asservat. Paradox: spätestens bei den Archivar*innen von Verfassungsschutz und Bundeskriminalamt bekommt das Schreiben zur bekannten Tat seine Aufmerksamkeit. Und hier wird der Inhalt tatsächlich abgeklopft, werden die Zeilen wirklich gelesen, wird das gute Schriftstück sorgsam verwahrt – bis zur Eröffnung eines möglichen Hauptverfahrens.

Quelle: https://www.freitag.de/autoren/oliver-rast/die-kleine-erzaehlung-das-bekennerschreiben

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