Die schönste Zumutung. Wenn nichts mehr hilft, gibt’s Freibier: Eine Hommage auf die unterklassige »Handballhölle«

Nach dem blamablen Auftritt der Profitruppe des Deutschen Handballbunds während der EM in Kroatien können sich die verprellten Fans den wahren Handballkünsten zuwenden, die ihnen in den Bezirksligen geboten werden. Einblick gewährt das erste Buch über den bundesdeutschen Amateurhandball. In Daniel Duhrs verkappter Hommage »Handballhölle Bezirksliga. Siebte Liga – Erste Sahne«. In diesem Milieu geht es talentfrei, aber trinkfest zu.

Vorab irritiert der 235malige DHB-Nationaltorhüter Henning Fritz mit einem Wandkalenderspruch: »Handballer sind Handballer – ganz egal, in welcher Liga sie spielen.« Das stimmt so natürlich nicht ganz, denn Fritz ignoriert die verhaltensoriginelle Spielweise der unterklassigen Laien. Klar, wie im Profihandball stehen sieben Akteure auf dem Feld, vom Torwart über die Mittelposition bis zum Kreisläufer und den flankierenden Außenspielern. Aber trotzdem ist es ein anderes Spiel. Denn jede Position erfordert technisches und taktisches Vermögen. Das geht den Freizeithandballern ab. Statt Raffinesse Tristesse.

Drei Typen gibt es immer. Erstens: der vermeintlich Tore verhindernde Torwart. Er füllt den Raum zwischen den Pfosten sprichwörtlich aus. Trotzdem ist seine typische Handbewegung die, hinter sich zu greifen, um den verharzten Ball aus dem Netz zu fummeln. Zweitens: der vermeintlich atemberaubende Mittelmann. Er stolziert über die Hallenbretter und geriert sich als Regisseur. Einer, der aussehen will wie Stefan Kretzschmar und aus dem Rückraum hochsteigen will wie einst Erhard Wunderlich. Und er ist einer, der provoziert und dafür von seinen Gegenspielern etwas kassiert: extra viele Bodychecks. Drittens: der vermeintlich hochagile Kreisläufer, der im Feierabendhobbystil die Angriffsspitze mimt, den Wühler, den Brecher. Eigentlich steht er nur am Kreis, ganz stationär. Sein Körpereinsatz besteht darin, sich zurückzulehnen, um qua seiner Masse die gegnerische Abwehr zu verdrängen, damit der Halbrechte oder Halblinke freie Schussbahn hat – was manchmal sogar klappt.

Unterm Strich sind die Spiele in der Bezirksliga eine Zumutung. Für die Handvoll Zuschauer, für die Bankdrücker des Teams und für den, der für alles verantwortlich zeichnet: richtig, den Trainer. Auch wenn er die Lektionen aus der verbandseigenen Lehrgangsfibel gepaukt haben sollte, er scheitert. Da hilft keine noch so virtuos inszenierte Ansprache in der Kabine, selbst der Appell an die Ehre verfliegt. Nur ein pädagogischer Kniff wirkt: die Aussicht auf einen vom Trainer gestifteten Kasten Bier.

Mit dem Lockmittel Gratisalkohol geht es nach der Pause wieder aufs Parkett. Die Mannschaft steigert sich von Minute zu Minute, Tor um Tor kommen sie an den Gegner heran, und im Idealfall haben sie kurz vor der Schlusssirene das Ding gebogen, sprich mit einem Tor Unterschied gewonnen. Die Spielanalyse erfolgt prompt, vorzugsweise an der nächstgelegenen Theke. Amateurhandball ist eine Veranstaltung für Anekdotensammler und Glossenschreiber, die »Handballhölle Bezirksliga« zeigt das deutlich.

Daniel Duhr: Handballhölle Bezirksliga. Siebte Liga – Erste Sahne. Selbstverlag, Essen 2017, 132 S., 11,95 Euro

Quelle: https://www.jungewelt.de/artikel/326573.die-sch%C3%B6nste-zumutung.html

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