Die Stadt knipst aus. Mit dem Abriss der Flutlichtanlage demontiert die Stadt Brandenburg den Traditionsklub FC Stahl

Thomas Hilsenitz war früher Spieler des FC Stahl Brandenburg. Heute ist er Initiator der »IG Freunde des Stahlstadions«. Er steht mitten in der Kabine des 1971 eingeweihten Sprecherturms des Stadions am Quenz, der Heimstätte der Stahlkicker, die der Stadt gehört. »Der Sprecherturm ist durch unsere Eigeninitiative wieder in Betrieb«, sagt der gelernte Elektriker stolz.

Das Interior ist museal. Links neben der Eingangstür schlummert die zeitgenössische Lautsprecheranlage. Von Hand mit Ziffern bemalte Spanplatten, mit denen früher die Spielstände angezeigt wurden, stapeln sich in der hinter­sten Ecke. »Rostock«, das einzig erhalten gebliebene Schild mit dem Stadtnamen eines Gäste-Teams aus der Zeit der DDR-Oberliga, lehnt daneben.

Etwas aber fehlt: Das eigentliche Wahrzeichen des Stadions, die imposante Flutlichtanlage. Sie wurde von der Stadtverwaltung nach jahrelangem Hickhack vor wenigen Wochen demontiert. »Es war ganz klar, dass die Stadt die Masten weghaben wollte«, ist Hilsenitz immer noch enttäuscht. Für die Anhänger des FC Stahl steht der Abriss der vier massiven Flutlichtmasten symbolisch für die Demontage des Vereins.

Der FC Stahl Brandenburg kennt auf jeden Fall bessere Zeiten. Viel bessere. 1950 als Betriebssportgemeinschaft Stahl Brandenburg gegründet, war dies der Sportverein des Stahlwerks der Havelstadt, dem größten Rohstahlproduzenten in der DDR mit 10.000 Beschäftigten.

1984 stieg die BSG Stahl in die DDR-Oberliga, die höchste Spielklasse, auf. Es begann eine Erfolgsgeschichte. In der zweiten Oberligasaison qualifizierte sich das Team für den UEFA-Cup. Gegen den späteren Cupsieger IFK Göteborg aus Schweden war zwar in der zweiten Runde Schluss, das sahen damals jedoch 20.000 Zuschauer, auch wenn offiziell nur 15.500 Plätze da waren – ewiger Besucherrekord. Zeitzeugen berichten von massenweise Menschen, die in den umstehenden Platanen hingen, um das Spiel im Hochsitz zu verfolgen: 1:1 hieß es zum Schluss (nach 0:2 im Hinspiel).

Für die Oberliga wurde das Stadion sukzessive ausgebaut. Eine überdachte Gegentribüne, eine Anzeigetafel sowjetischen Fabrikats und nicht zuletzt die Flutlichtanlage wurden errichtet. »Dieser Verein hat mit diesem Stadion die Stadt auf sportlicher Ebene bekannt gemacht«, sagt Hilsenitz.

Mit dem Niedergang der Stahlindustrie nach 1989 begann die sportliche Talfahrt. Abstiege und Namenswechsel nach Neugründungen folgten. Aktuell spielt der Klub in der sechstklassigen Brandenburgliga. Der Ortskonkurrent, der Brandenburger SC Süd 05, spielt seit Jahren erfolgreicher, und aktuell auch eine Klasse höher. Für den Rivalen begeisterten sich die Stadtverantwortlichen, sagen Kritiker. Zu den Hauptsponsoren des BSC Süd 05 gehört das einflussreiche SKB-Stadtfernsehen von Klaus-Peter Tiemann. Der hatte einst den ersten transkutanen Herzschrittmacher der DDR erfunden. Sein Herz schlägt für Brandenburgs Oberbürgermeisterin, seine Ehefrau Dietlind Tiemann (CDU). Ihr Vize, der Stadtkämmerer Steffen Scheller (CDU), ist Aufsichtsratsvorsitzender der Stadtwerke, einem weiteren Geldgeber des Lokalrivalen.

Die CDU-dominierte Stadtverwaltung in Brandenburg/Havel äußerte sich auf Nachfrage von jW nicht zu dem Clinch um die Flutlichtmasten. Schon früher aber hatte man verlautbart, mangelnde Standsicherheit und Wirtschaftlichkeit hätten den »Rückbau« der Masten bedingt. »Die Stadtverordneten folgten wie so oft der Stadtverwaltung und dem Kämmerer Scheller«, sagt die stellvertretende Vorsitzende des Sportausschusses, Heidi Hauffe von der Linkspartei. »Leider standen die Flutlichtmasten nicht unter Denkmalschutz«, bedauert sie.

Kämmerer Scheller stützte sich auf Gutachten eines von der Stadt beauftragten Ingenieurbüros. Es gab aber auch einen Untersuchungsbericht, in dem der Professor für Baustatik an der Berliner HTW Dirk Werner zu einem gegenteiligen Urteil kam: »Die Masten sind standsicher«. Instandhaltungsarbeiten könnten durch Vereinsangehörige »in Eigenleistungen […] unter fachkundiger Bauleitung erfolgen«, schrieb Werner. Es half alles nichts. »Eigeninitiative von Mitgliedern des Vereins zum Erhalt der Anlage war offensichtlich seitens der Stadt nicht gefragt«, sagt die SPD-Fraktionsvorsitzende Britta Kornmesser. Für Stahl-Fans ist der »Rückbau« der Masten geradezu aberwitzig, denn eine baugleiche Flutlichtanlage ist im Stadion des Zweitligisten FC Erzgebirge Aue zu bestaunen.

In Brandenburg/Havel bleibt der »Werterhalt« des Stadions am Quenz ein lokales Politikum. Fans befürchten, dass nach den Flutlichtern irgendwann auch das ganze Stadion aufgegeben werden soll. Stadtverordnete beschwichtigen. Stress gibt es trotzdem. Unlängst haben Unbekannte die Rückwand des Toilettentraktes im Stadion mit dem Vereinslogo verziert. Das Wandbild währte nur kurz, und ein von der Stadt beauftragter Malertrupp überpinselte das Graffito. Kornmesser fordert von der Stadt, »endlich auch die hervorragende Jugendarbeit des FC Stahl zu würdigen.« Und Hilsenitz träumt davon, die Arena in Eigenregie zu betreiben, »so wie es bei unserem Vorbild BSG Chemie Leipzig der Fall ist.«

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