Ein Kontaktsport. Eishockey ohne Eis: Heute beginnt in Berlin das Finalturnier um den deutschen Floorball-Pokal

Rasantes Passspiel, scharfe Schüsse und so mancher Rempler auf hartem Parkett – »Floorball ist eine Kombination aus verschiedenen Hockeyvarianten, eine der schnellsten und vor allem eine der am schnellsten wachsenden Sportarten der Welt«, sagt Jan Kratochvil gegenüber jW. Von heute bis Sonntag veranstaltet sein Verein das Finalturnier um den deutschen Floorball-Pokal in der Sömmeringhalle in Berlin-Charlottenburg. Kratochvil ist Spielertrainer der Gastgeber mit dem sperrigen Klubnamen »Sportgruppe im Bezirksamt Tempelhof-Schöneberg e. V.«, abgekürzt BAT Berlin.

Die Ursprünge der Trendsportart liegen im Minnesota (USA) der späten 1950er Jahre. Dort entwickelte der Plastikhersteller »Cosom Corporation« einen leichten Kunststoffschläger und einen Plastikball – fortan wurde auf Hallenparkett »Cosom Hockey« gespielt. In den 70ern entdeckten Eishockeyspieler in Skandinavien und der Schweiz den Sport als Möglichkeit für Spiele im Sommer und verhalfen ihm zu anhaltender Popularität.

Ein paar Eckdaten: Das Spielfeld ist 40 Meter lang, 20 Meter breit und wird von einer 50 Zentimeter hohen, abgerundeten Bande eingegrenzt. Hinter dem Tor wird wie im Eishockey weitergespielt. Gespielt wird mit Floorballstock (Schaufel und Schaft) und Lochball (aerodynamisch optimierte Oberflächenstruktur mit Dellen). Wie beim Hockey mit Kufen auf Eis geht eine Partie über dreimal 20 Minuten, besteht ein Team aus sechs Spielern.

Hierzulande ist Floorball vor allem ein Ostphänomen. Sowohl bei den Männern als auch bei den Frauen dominieren Teams aus Weißenfels und Wernigerode. Wie das kam? Engagierte Sportlehrer aus Halle an der Saale und Leipzig holten »Unihockey«, wie Floorball damals genannt wurde, an ihre Gymnasien, erzählt Holger Saß, Präsident des MFBC Grimma, gegenüber jW (»Unihockey« war die Kurzform von »Universalhockey«, es ging nicht um Hochschulsport – um das Missverständnis zu vermeiden, spricht man seit 2009 in Deutschland von Floorball). Einer der Pioniere war Rolf Blanke, langjähriger Vorstandschef des UCH Weißenfels. Dort wurde der Sport Ende 1991 bei einem Sportfest vorgestellt. Blanke gründete daraufhin im örtlichen Ski- und Freizeitsportverein die Abteilung »Unihoc(key)«. Was den Hype um Floorball im Osten, aber auch europaweit beförderte, drückt Kratochvil so aus: »Eishockey ist ein teurer Sport, deshalb wechseln einige Athleten zum Floorball oder fangen gleich mit dem Floorball an.«

Kratochvil lässt bei der Werbung für das Finalturnier am Wochenende keinen Kniff aus: Heute gibt’s einen Goal­keeper- und Goalgetter-Kurs; ein Floorballquiz darf nicht fehlen. Abendlicher Höhepunkt ist ein Nachtturnier von 20 bis zwei Uhr. Hier ist Durchhaltevermögen gefragt.

Richtig los geht’s dann etwas später am Samstag. Im ersten Halbfinale der Männer trifft der BAT auf die Red Devils aus Wernigerode. Das zweite bestreiten der TV Lilienthal und der Serienmeister UHC Weißenfels. Bei den Frauen stehen folgende Duelle auf dem Programm: SSF Dragons Bonn gegen die Dümptener Füchse und SG Wernigerode/Chemnitz gegen MFBC Grimma.

Wer macht das Titelrennen bei den Männern? Kratochvil schätzt die Chancen für sein Team gering ein, zumal die Saison in der Liga sportlich mäßig lief – Platz sieben von zehn Teams. Im Pokal soll’s besser laufen: »Wir spekulieren ein bisschen auf den Heimbonus«, sagt Kratochvil, und kokettiert mit dem Underdog-Image: »Wir sind der Straßenköter der Liga – ohne eigene Halle, ohne größere Sponsoren.« Tatsächlich haben die Klubs aus den Kleinstädten im Osten einen Standortvorteil. Sie müssen nicht mit Dutzenden weiteren Bundesligisten aus anderen Sportarten um Fördertöpfe und Mäzene konkurrieren. Deshalb können sich die Vereine in Weißenfels und Wernigerode sogar Semiprofis aus Skandinavien leisten. Klarer Topfavorit ist Weißenfels.

Und bei den Frauen? Von der Papierform her Grimma. »Wir haben in der ersten Pokalrunde den Titelträger aus der Vorsaison und amtierenden deutschen Meister aus Weißenfels geschlagen«, sagt MFBC-Trainer Ralf Kühne gegenüber jW. Somit seien sie in der Favoritenrolle.

Für Kratochvil ist das Finalturnier »eine riesige Chance, den Sport breitenwirksamer zu machen«. Die Floorballszene sei dabei, nun komme es darauf an, das lokale Interesse zu wecken. Floorball sei sehenswert: »ein Kontaktsport«, sagt Kratochvil. Er weiß, wovon er spricht: Seine vordere Zahnreihe hat er bereits mehrmals erneuern lassen müssen. Sein ehrgeiziges Ziel ist ein »Zuschauerrekord im Floorball in Deutschland«. Mindestens 2.000 Zuschauer müssten dafür den Weg in die Berliner Halle finden.

Quelle: https://www.jungewelt.de/artikel/329137.ein-kontaktsport.html

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