Ein typischer Schmäh. Vom Topstürmer zum Viertligatrainer: Lokaltermin bei Toni Polster

»Herr Polster, wie hat der 1. FC Köln heute gegen den FC Erzgebirge Aue gespielt?« Polster wirkt leicht irritiert, lehnt sich im rotbraunen Ledersessel im Klubbüro zurück, sagt: »Weiß ich nicht, am Spieltag bin ich nur bei meiner Mannschaft.« Mit dieser Antwort auf die jW-Auftaktfrage hat Polster am 25. August gleich mit zwei Gerüchten aufgeräumt. Erstens: Er verfolgt den »Effzeh« schon lange nicht mehr auf Schritt und Tritt. Zweitens: Er macht seinen Job als Trainer professionell. Weiterer Beleg dafür: Vor jedem Spiel macht er sich ein Skript, schreibt seine Kabinenansprache auf, numeriert sie durch, »die Reihenfolge muss ja stimmen«, betont er kurz vor der zweiten Ligapartie in der noch jungen Saison gegen den SK Slovan HAC.

Polsters Mannschaft ist seit 2011 – von einem kurzen Intermezzo beim Wiener Vorstadtverein Admira Wacker abgesehen – der Viertligist SC Wiener Viktoria. Ein Klub aus Meidling, dem zwölften Gemeindebezirk. Polster, der Fußballweltstar – Polster, der Unterklassentrainer. Klafft da nicht eine große Lücke? Das sieht er nicht so. »Das ist eine Liebe, die zusammengewachsen ist – deshalb bin ich hier richtig.« Viktoria und Polster sind also eins geworden.

»Meidling war immer ein Arbeiterbezirk, der Ruhrpott Wiens«, sagt Roman Zeisel, Obmann der Viktoria und seit 1978 im Klub. Der FC St. Pauli sei sein Vorbild. Die Viktoria ist sozial engagiert, bietet Deutschkurse für Migranten, warmes Mittagessen für Wohnungslose und Obdach auf dem Klubgelände im Winter. Das passt durchaus zu Polster. 1964 geboren, wuchs er in Wien-Favoriten auf. Eher in ärmlichen Verhältnissen, wie er sagt. Keiner, dem aufgrund seiner Herkunft groß Türen offen standen. Schuhe zum Kicken, ein Ball für unzählige Torschussübungen, das waren seine wichtigsten Utensilien. Mit acht Jahren wusste er, er kann’s besser als die Nachbarskinder: »Fußballspielen im Käfig«, wie der Bolzplatz hier heißt. Und so mancher von den Jungs aus seinem Wohnblock »landete irgendwann im Häf’n«, im Knast.

Eine Aufwandsentschädigung erhält Polster vom Verein, nicht viel mehr. Dahinter steht aber auch ein Deal. Zeisel erklärt: »Es ist eine Win-win-Situation. Toni Polster kann mit seiner Werbeagentur Aufträge generieren, und wir sichern uns seine Dienste als Trainer.« Wäre er weg, wenn lukrative Trainerangebote kämen? Polster: »Wenn da was kommt, werden wir das im Klub besprechen.« Das klingt nicht so, als stünden europäische Spitzenklubs bei ihm Schlange. Nochmal: Warum macht er es nicht wie andere österreichische Trainer und geht nach Südosteuropa oder in den Mittleren Osten? »Abenteuerliche Anfragen hat es gegeben, aber ich gehe nicht in Länder, wo ich nach dem Spiel kein Bier trinken könnte – das wär’ nix für mich.« Ein typischer Polster-Schmäh – viele schätzen das.

Apropos Wertschätzung. Die ist in Deutschland größer als in Österreich. Polster hat oft den Dilettantismus von Klubchefs und Trainern in seinem Land angeprangert. Das nehmen ihm viele bis heute übel, trotz der Meriten, die er sich in seiner aktiven Laufbahn erworben hat: Rekordtorschütze des Nationalteams mit 44 Treffern in 95 Länderspielen, Legende seines früheren Vereins FK Austria Wien, 1997 Sportler des Jahres in der Alpenrepublik. Polsters Auftritte beim 1. FC Köln von 1993 bis 1998 haben im kollektiven Gedächtnis der deutschen Fußballgemeinde tiefe Spuren hinterlassen. Wie zerrüttet das Verhältnis zu seinem Exklub Austria nach wie vor ist, zeigte die Eröffnungsfeier in der sanierten Arena vor der Saison. Polster fehlte. »Ich hatte keine Einladung, und ich hatte auch Training.«

In Meidling ist Polster weiterhin Idol. Händeschütteln, Abklatschen, Umarmen. Eine halbe Stunde vor Anpfiff ist er von Fans umringt, schlürft eine Cola ohne Zucker, zieht genussvoll an einer »Tschick«, einer Zigarette. Sein Team wärmt sich derweil auf, der Torwarttrainer überwacht alles. In der Kantine gibt es einen »Polster-Schrein«, eine Vitrine mit seiner Autobiographie, Autogrammkarten und drei CDs mit Ergebnissen musikalischer Gelegenheitsjobs. Dass seine Gesangsübungen im Feuilleton unter Trash firmieren, sei ihm egal, er habe schließlich die Charts gestürmt. Polster ist so etwas wie ein Prototyp des populären Exfußballstars mit boulevardesker Schlagseite.

Polster ist kein Trainer, der die Seitenlinie ständig auf und ab läuft, um zu dirigieren. Er sitzt die meiste Zeit des Spiels. Arme verschränkt, die Beine ausgestreckt. Dosiert richtet er taktische Anweisungen an Spieler, feuert an oder tadelt auch mal. Seinem Kotrainer diktiert er Spielfehler, die der ins Handbuch schreibt. Polster kann aber auch explodieren. Wie in der 62. Minute gegen Slovan. »Haaandspiel!« schreit er über den arg strapazierten Kunstrasen, bittet den Schiri zum Rapport, der winkt ab, Oberschenkel sei es gewesen. Traineralltag. In der 79. Minute passiert’s. Freistoß halb links, die Flanke streift den Kopf von Goalgetter Rotter, der Ball ist im Netz: 1:0, dabei bleibt es, »ein Arbeitssieg.«

Erst langsam weicht das Dunkelrot aus Polsters Gesicht, macht der Sommerbräune wieder Platz. Er atmet kurz durch: »Ich habe den Spielern vor dem Spiel gesagt, wir brauchen Geduld und Standards.« Die haben bei seiner durchnumerierten Kabinenansprache zugehört.

Quelle: https://www.jungewelt.de/artikel/339331.fu%C3%9Fball-ein-typischer-schm%C3%A4h.html

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