Eine Vorreiterrolle. Ostdeutsche Rugbyspielerinnen vor einer Wettkampfreise nach Teheran

Angerissene Bänder am Knöchel, riesige blaue Flecken an den Oberschenkeln, Schrammen im Gesicht. Beim Frauenrugby im Stadion Buschallee in Berlin-Weißensee am vergangenen Wochenende waren die Sanitäter im Dauereinsatz. Anne-Marie Kortas sagt: »Das darf man nicht überbewerten. Hauptsache, wir sind bis Samstag alle fit.« Die gebürtige Schwerinerin ist Spielerin beim »Rugby Klub 03 (RK 03) Berlin« und Koordinatorin eines Trips in den Iran. Am Samstag nachmittag geht es los. In Teheran wird eine Auswahl ostdeutscher Rugbyspielerinnen auf iranische Frauenteams treffen.

Die Initiative kam vom Berliner Rugbyverband und dem Verein »Bürger Europas«. Das Auswärtige Amt unterstützt die Reise. Es handelt sich um einen Gegenbesuch. Ende vergangenen Jahres nahm eine Delegation aus dem Iran an einem kleinen Turnier in Berlin teil. Jetzt sollen die ostdeutschen Spielerinnen als sportpolitische Botschafterinnen auf diplomatischem Parkett eine gute Figur abgeben.

Am vergangenen Wochenende stand für Kortas & Co. erst mal noch der Ligaalltag auf dem Programm. Es war der zweite Turniertag in der Division Ost des bundesdeutschen Frauenrugbys der 7er-Formation. Bei diesem »Miniaturrugby« stehen je sieben Akteurinnen auf dem Feld. Partien dauern nur zweimal sieben Minuten. An Turniertagen reiht sich Match an Match. Aktuell dominiert der RK 03 Berlin die Liga.

Kortas kam während eines Auslandsstudiums in Costa Rica zum Rugby. Zuvor war sie Leistungsjudoka. Frauenrugby ist gewissermaßen eine Randsportart innerhalb einer Randsportart. Von bundesweit 15.000 registrierten Rugbyspielern seien etwa 1.800 Frauen und Mädchen, sagt Kortas. Sie ist aber überzeugt: »Wir werden mehr werden.«

Die Reise nach Teheran tritt sie mit einem 15köpfigen Team an, dazu kommt eine Entourage aus Trainern und Funktionären. Den Kern des jungen Teams stellt ihr Verein, die anderen Spielerinnen kommen aus Potsdam, Jena, Erfurt, Leipzig und Dresden. Viele sind Studentinnen. Der Spaß soll im Iran nicht zu kurz kommen, aber sie haben auch Fragen. »Uns interessiert, wie Frauen und Mädchen im Iran zum Rugby gekommen sind«, sagt Kortas. »Vielleicht gelingt es uns, iranische Spielerinnen auch abseits des Protokolls und des Platzes zu sprechen.«

Ulrike Koch, Spielerin beim USV Potsdam, will über die Benachteiligung von Frauen weniger mit Bezug auf den Iran sprechen. »Ich erlebe in Deutschland das Vorurteil, wonach Rugby und Frauen nicht zusammenpassen würden«, sagt sie. Unter muslimischen Ländern nehme der Iran im Frauenrugby eine »Vorreiterrolle« ein. Fragen zum Säbelrasseln der USA gegen den Iran beantworten die Spielerinnen fast schon staatsmännisch. »Das Ziel der Reise ist die Förderung des interkulturellen Dialogs und die Stärkung der deutsch-iranischen Beziehungen«, erklärt Kortas druckreif. Das Briefing durch Vertreter des Auswärtigen Amts zeigt Wirkung.

Kortas’ Teamkollegin Vivian Bahlmann, ehemalige Nationalspielerin im 7er-Frauen-Rugby und Kapitänin des Auswahlteams, versichert auf Nachfrage: »Klar will ich zur Geschlechterdemokratie und zu Menschenrechten Fragen stellen, wenn wir uns mit iranischen Offiziellen treffen«. Sie fügt aber gleich an, sie werde alles Kritische sehr vorsichtig formulieren.

Als »Berlin Adler Sevens« werden die Ostdeutschen im Teheraner Ararat-Stadion auflaufen. Der Austragungsort erleichtert die Garderobenfrage erheblich. »Das Stadion liegt im christlichen armenischen Stadtteil Teherans. Deshalb müssen wir keine spezielle muslimische Sportkleidung tragen«, sagt Kortas. Das wäre allerdings der Fall, wenn ein Spiel im TV übertragen würde.

Der Tagesablauf vor Ort ist durchstrukturiert. Empfänge samt Tischreden bei hochrangigen Vertretern aus Sport und Politik stehen ebenso auf dem Programm wie Sightseeing, Trainingseinheiten und Wettkämpfe. Unter anderem wird der Tross auf Exfußballprofi Ali Daei treffen, der von 1999 bis 2002 bei Hertha BSC Berlin spielte und heute Cheftrainer des Fußballklubs Saipa Teheran ist. Von ihm erhofft sich Kortas ungefilterte Einblicke in die iranische Sportwelt.

Am Ende des dreieinhalbstündigen Turnierwettbewerbs in der Division Ost ruft eine Funktionärin des Rugbyverbands die Spielerinnen, die in den Iran fliegen werden, zusammen und erinnert an vereinbarte Benimmregeln: »Ihr wisst, was ihr nicht fragen sollt.« Kortas und die anderen schmunzeln, bevor sie nicken.

Quelle: https://www.jungewelt.de/artikel/320846.eine-vorreiterrolle.html

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