Emanzipation hinter Gittern – Bewegung im Frauenknast

Frauen organisieren sich. Sie organisieren sich im Knast. Gefangene Frauen. In der Gefangenen-Gewerkschaft. Im Gewerkschaftsengagement finden bereits jetzt knapp hundert Frauen ihre Perspektive. Sie beginnen, den bundesdeutschen Vollzugsalltag zu verändern. Als selbstbewusste Gewerkschafterinnen hinter Gittern.

Frauen und Verbrechen. Geht das zusammen?

Klar. Etwa 5 bis 6 Prozent der inhaftierten Menschen in der Bundesrepublik sind Frauen. Frauenknäste stehen völlig im Schatten einer interessierten Öffentlichkeit. Viel mehr als der Männer- oder Jugendvollzug bleiben sie unter Verschluss. Eine Parallelwelt, die kaum Einblicke kennt.

In der Männer dominierten Geschichtsschreibung geraten die Biografien von Frauen ins Hintertreffen. Biografien von Verbrecherinnen sind ausgesprochen rar. Sie müssen unter größtem Rechercheaufwand freigelegt werden. Regelrechte Expeditionen. Einige biografische Wegverläufe konnten aber nachgezeichnet werden.

Eine Galionsfigur von ihnen ist Phoolan Devi in Indien. Devi wurde über den Hindi-Film „Bandit Queen“ von Shekhar Kapur einem breiten cineastischen Publikum weltweit bekannt. Oder sardische Brigantinnen. Banditinnen, die sich in einer hochgradig patriarchalen Umwelt durchsetzen und dauerhaft behaupten konnten.

Das Waffenhandwerk war ihnen vertraut und sie führten eine Schar von männlichen Streifzüglern an. Protagonistinnen für ein extralegales Leben. Der von Frauen angeführte Raubzug als Erwerbsquelle. Michelina De Cesare, die wohl prominenteste Brigantessa, war eine von ihnen.

Aber wie sieht die schlichte Realität in Haftanstalten für Frauen in dieser Republik aus? Ein sehr hoher Prozentsatz der einsitzenden Frauen hierzulande sind BTMerinnen. Sie wurden wegen des Verstoßes gegen das Betäubungsmittelgesetz verknackt. Oft in Verbindung mit Diebstahl und räuberischer Erpressung. Beschaffungskriminalität eben.

Totschlägerinnen und Mörderinnen, die zum Beispiel ihren Peiniger aus dem heimischen Haushalt entfernt haben, sind die absolute Ausnahme. Sie fallen statistisch nicht ins Gewicht. Viele der inhaftierten Frauen haben Gewalterfahrungen in der Familie und Lebensgemeinschaften erfahren. Oft sexualisierte Gewalt. Die Sogwirkung ist groß, dass entlassene Frauen in gewalttätige zwischenmenschliche Beziehungen oder den Drogensumpf zurückkehren. Häufig beides.

Inhaftierte Frauen und Aktion hinter Gittern. Ist das möglich?

Sicher. Den Auftakt machten inhaftierte Frauen in der Haftanstalt Willich II bei Köln in Nordrhein-Westfalen. Anja und Stephanie Meyer, ein lesbisches Ehepaar, dass sich seit Anfang 2015 in der Gefangenen-Gewerkschaft/Bundesweite Organisation (GG/BO) zusammengefunden hat. Beide mit langer Drogenkarriere.

Und beide wesentlich dafür verantwortlich, dass inhaftierte Gewerkschafterinnen medial über verschiedene Veröffentlichungen in Tageszeitungen und Agenturmeldungen überhaupt wahrgenommen werden konnten.

Willich II ist die eine Bastion der GG/BO. Die zweite ist die Frauen-JVA in Chemnitz in Sachsen. Dort sind Frauen aus den mitteldeutschen Bundesländern Sachsen-Anhalt, Thüringen und Sachsen einquartiert. Hauptaktivistin: Nancy Rheinländer, Anfang 20, seit ihrem 11. (!) Lebensjahr begleitet sie das schwerst abhängig machende Chrystel Meth.

Sie aktiviert als örtliche GG/BO-Sprecherin Inhaftierte auf ihrer Station, in den Flügeln und Werkstätten der Anstalt. Ein Meilenstein haben die GG/BO-lerinnen in der Chemnitzer JVA gelegt. Sie haben es durchgesetzt, sich im vierzehntägigen Rhythmus zu einer Versammlung treffen zu können. Der Knast als Gewerkschaftslokal – ein Novum.

Das staatlich geförderte Sozial- und Lohndumping findet auch hinter den Mauern von Haftanstalten für Frauen statt. Produkte aus dem Frauenknast Vechta in Niedersachsen oder dem größten in der Bundesrepublik im Bayerisch-Schwäbischen Aichach sind angesagt.

Vorzeigebetriebe. Modelabel werden hier unter anderem entworfen und die Designbranche findet in den JVA-Schneidereibetrieben motivierte Frauen an den Nähmaschinen. Der Konflikt zwischen denen, die ihre menschliche Arbeitskraft in der „Billiglohninsel Knast“ zu Markte tragen und denen, die sich die Arbeitsprodukte aneignen und veräußern, ist auch hinter den Stahltoren von Frauengefängnissen nicht aufgehoben.

Er ist da. Und engagierte Gewerkschafterinnen in Anstaltskleidung sind gleichfalls da, die diesen Konfliktstoff aufgreifen.

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