Ende einer Legende. Der Chemiepokal in Halle ist wohl Geschichte – dafür wird jetzt in Köln geboxt

Nun ist es amtlich: Der Deutsche Boxsportverband (DBV) ruft nicht mehr zum Chemiepokal nach Halle an der Saale, sondern nach Köln zum »Cologne Boxing World Cup«. In der am Montag nachmittag verbreiteten Pressemitteilung heißt es: »Der DBV wird vom 9. bis 13. April 2019 in der Kölner Sporthalle Süd ein Spitzenturnier des Olympischen Boxsports durchführen.« Den traditionsreichen Chemiepokal hatte der DBV bereits in seinem Statement vom 22. Januar abgesagt und fehlende finanzielle Zusagen des Landes Sachsen-Anhalt, bürokratische Hemmnisse bei der Bewilligung von Mitteln und einseitiges wirtschaftliches Risiko für den DBV als Gründe genannt (jW berichtete).

DBV-Präsident Jürgen Kyas frohlockt jetzt, dass die Finanzierung des Kölner Turniers »durch unbürokratische und schnelle Hilfe durch das Land NRW und die Stadt Köln« sichergestellt sei. Neuer Ausrichter ist der älteste Boxverein Deutschlands, SC Colonia 06 Köln.

Seit 1970 wurde der Chemiepokal in Halle ausgetragen. Als hochkarätig besetztes internationales Amateurboxturnier war es nach dem Olympiawettkampf das größte seiner Art. Manfred Wolke, Michael Timm, Henry Maske oder Vitali Klitschko – viele bekannte Gesichter des Boxens haben den Ring in der Saalestadt als Sieger verlassen. Nach der sogenannten Wende stand das Weltcupturnier wegen finanzieller Turbulenzen mehrfach am Abgrund, 1991 und 2010 fiel der Chemiepokal aus, und die 45. Auflage im Jahr 2018 könnte die letzte gewesen ein.

Nach jW-Informationen hatten Vertreter der Stadt Halle bereits zwei Tage nach Bekanntwerden der Absage des Chemiepokals am 24. Januar ein Gesprächsangebot an den DBV gerichtet. Tenor des DBV: Ein Gespräch würde an der Absage nichts mehr ändern können.

In Erklärungsnot geriet der DBV durch die jW zugespielte Standardeinladung für ein Turnier namens »Chemistry Colonia Worldcup of Olympic Boxing«. »Wir konnten nicht über Monate auf einem Feuerstuhl sitzen«, rechtfertigte sich DBV-Sportdirektor Michael Müller im jW-Gespräch. Üblich sei es bei der Planung von Großevents, Teilnehmern die Modalitäten zu schicken, auch wenn noch nicht alle Details vertraglich fixiert worden seien.

Kyas und Müller weisen in der aktuellen Pressemitteilung Vorwürfe zurück, wonach der Rückzug aus Halle und der Neustart in Köln längst »beschlossene Sache« gewesen seien. Erst als die geforderten höheren Fördermittel seitens des Landes und von LOTTO Sachsen Anhalt nicht gewährt worden und Bewilligungsbescheide nicht eingetroffen seien, »haben wir nach alternativen Lösungen gesucht«. Lösungen scheinen gefunden, nur das Label variiert zum vormaligen Arbeitstitel.

Mit Bedacht, denn verbandsintern gibt es Streit. Die Namens- und Markenrechte für den Chemiepokal liegen beim Landesboxverband Sachsen-Anhalt. Dessen Präsident Roland Wandelt sagte gegenüber jW: »Wir werden Namen und Marke schützen, auch juristisch.« Der Landesverband hat dem Bundesverband unterdessen eine Unterlassungserklärung zukommen lassen, bestätigte DBV-Pressesprecher Manfred Dörrbecker auf jW-Nachfrage.

Kritiker, wie der Grünen-Landtagsabgeordnete Wolfgang Aldag, sprachen gegenüber jW von »einem immensen Vertrauensverlust für den DBV«. Auch Rüdiger Erben, Parlamentarischer Geschäftsführer der SPD-Landtagsfraktion, reagierte schroff auf jW-Anfrage: »So wie das Herr Kyas macht, so geht man nicht mit seinen größten Sponsoren, den Steuerzahlern und Lotto-Spielern in Sachsen-Anhalt um.«

Der Chemiepokal – ein Fall für die Annalen? Aldag: »Der Chemiepokal ist fest mit der Stadt Halle verbunden. Keine Kopie, egal in welcher Stadt, kann dieses Traditionsturnier ersetzen.«

Die Publikumslieblinge des Chemiepokals, die kubanischen Boxer, haben laut Kyas für Köln zugesagt.

Quelle: https://www.jungewelt.de/artikel/349537.boxen-ende-einer-legende.html?fbclid=IwAR3jH3Tvv6xt5TeyUcZB6I5N-3SqabOMqWGWFyvy0L-M1bduZZDPH_jJtmM

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