Endlich reif? Die Handballer von Füchse Berlin spielen seit Jahren vorne mit – zum Meistertitel hat’s noch nicht gereicht

»Alle Neuzugänge haben bereits gezeigt, warum wir sie verpflichtet haben«, sagte ein zuversichtlicher Bob Hanning, Geschäftsführer von Füchse Berlin gegenüber jW. Heute startet die Handballbundesliga in die neue Saison. Für Füchse-Coach Velimir Petkovic geht es gleich zum Auftakt auswärts nach Göppingen zu Frisch Auf, seinem früheren Verein. Ein echter Leistungscheck für die Neuen also.

Ihre Erwartungen formulieren die Verantwortlichen aus dem Fuchsbau eher zurückhaltend. Hanning: »Unser Saisonziel ist auch dieses Jahr die Qualifikation für die internationalen Wettbewerbe.« Um sicher international spielen zu können, muss Platz vier her – bei der eng beieinanderliegenden Spitzengruppe sei das ein ambitioniertes Ziel. Und die Meisterschaft? »Der Meistertitel ist nicht planbar«, betonte Volker Zerbe, Füchse-Sportdirektor, gegenüber jW. Nur mit einer konstanten Leistung über die komplette Spielzeit hinweg könne sich die Mannschaft gegen Klubs mit einem höheren Etat durchsetzen. Außerdem müsse die direkte Konkurrenz ab und an patzen.

Früher, noch unter dem Vereinsnamen Reinickendorfer Füchse, waren die Nordberliner schon einmal weit vorne. Gleich nach dem Erstligaaufstieg in der Saison 1980/81 rangierte das Team im Endklassement auf Platz drei. Erfolgsgaranten waren die jugoslawischen Nationalspieler Zvonimir Serdarusic (der später als Trainer beim THW Kiel zahlreiche Erfolge feiern sollte), Pedrag Timko und Vladimir Vukoje. Der Klub war allerdings abhängig von Willi Bendz­ko. Ein schillernder – Kommentatoren sagten früher: ein zwielichtiger – Immobilienmakler, der Wohnraum in Eigentum umwandelte. Bendzko war Mäzen, Sponsor und Investor in einer Person. Er wollte den großen Coup, den Meistertitel – erfolglos. Dann ging’s abwärts: Topspieler beendeten ihre Laufbahn, Leistungsträger verließen den Verein, der Kader dünnte aus. Bendzko zog sich zurück, die Füchse stiegen aus der Bundesliga ab. Das war 1986. Die Durststrecke, die folgte, war lang. Vor der Jahrtausendwende spielte der Verein zwischenzeitlich in der viertklassigen Oberliga. 2005 der Wendepunkt, nicht auf dem Hallenparkett, sondern in der Geschäftsstelle: Bob Hanning übernahm das Ruder. In der Saison 2006/2007 gelang der Wiederaufstieg ins Oberhaus.

Hanning, der »Napoleon des deutschen Handballs« (Stuttgarter Nachrichten), wird gerne als der »mächtigste Mann im deutschen Handball« apostrophiert. Eine Zuschreibung, mit der er nicht viel anfangen kann: »Ich sehe mich bei den Füchsen Berlin und als Vizepräsident des Deutschen Handballbundes als Mitglied eines Teams.« Überzeugen müsse er und seine Kollegen in Verein und Verband durch Erfolge. Hanning will den Aufbau nachhaltiger Strukturen bei den Füchsen fortsetzen, intensive Nachwuchsarbeit und eine wirtschaftlich vertretbare Transferpolitik sind die Basis. In seinem Büro hängen zehn Trikots von Teams aus der ersten Spielzeit der Champions-League der Füchse 2011/12. »Mehr als die Hälfte dieser Mannschaften sind wirtschaftlich tot oder standen, teils mehrfach, vor der Insolvenz.« Eine tägliche Mahnung, wie er sagt.

»Die Integration aller Neuzugänge klappt überraschend gut«, stellte Zerbe fest. Groß sei der Kader geworden, deutlich größer als geplant. Der Grund: Mit Neuzugang Simon Ernst vom VfL Gummersbach und den Rückraumspielern Stipe Mandalinic und Marko Kopljar fehlen Trainer Petkovic verletzungsbedingt wichtige Akteure. Hanning und Zerbe handelten. Der tunesische Rechtshänder für den linken Rückraum, Wael Jallouz vom FC Barcelona, spielt leihweise für ein Jahr bei den Füchsen. Die Verpflichtung von Jacob Holm, einem talentierten dänischen Jungnationalspieler, konnte das Klubmanagement um ein Jahr vorziehen. Für alle im Team gilt das Zerbe-Rezept aus der vergangenen Saison: »Wir haben alle verinnerlicht, was möglich sein kann, wenn man wirklich als Team agiert.«

Eine Ära ist allerdings vorbei: Publikumsliebling Petr Stochl hat seine Karriere im Sommer beendet. Malte Semisch, vormals TSV Hannover-Burgdorf, wird statt dessen das Torwarttrikot der Füchse überstreifen und mit Silvio Heinevetter um seine Spielanteile ringen.

Neu war auch das Athletiktrainingslager vor der Saison – eine Woche Trainingseinheiten ohne Ball. Eine speziellen Fitnessrunde, um Verletzungen besser vorzubeugen. »Kraft- und Athletiktraining haben einen hohen Stellenwert – in der Saisonvorbereitung, aber auch im Saisonverlauf«, sagte Carsten Köhrbrück, Athletiktrainer der Füchse, gegenüber jW. Das Verletzungsrisiko minimiere sich, wenn die Spieler an ihrer Kraft, Schnelligkeit und Ausdauer gearbeitet haben.

Transfers, Trainings, Testspiele – die Grundsteine sind gelegt, und die Generalprobe klappte auch: Am vergangenen Wochenende gelang mit Siegen gegen den Oranienburger HC und TuS N.-Lübbecke der Einzug ins Achtelfinale des DHB-Pokals. Fehlt für einen idealen Saisonstart noch der Auftaktsieg in der Liga.

Quelle: https://www.jungewelt.de/artikel/338456.handball-endlich-reif.html

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