Es war kein Spleen. Von der Stadtguerilla in den Friedensdienst: Lutz Taufer hat seine Autobiographie geschrieben

»Über Grenzen«, die Autobiographie des früheren RAF-Mitglieds Lutz Taufer, beginnt mit einer Enttäuschung für Klatschpresse: »Sensationelle Enthüllungen etwa über Stockholm oder die RAF finden sich in diesem Buch nicht«, schreibt er.

Aber der Reihe nach: Taufer, Jahrgang 1944, ist in der badischen Provinz aufgewachsen. Seine Eltern verhielten sich während des Faschismus »randständig«, ohne direkt widerständig zu werden. In protokollhaftem Schnelldurchlauf zeichnet Taufer seine Politisierung nach. Die Notstandsgesetze, der Vietnamkrieg und die Schüsse auf Benno Ohnesorg 1967 und auf Rudi Dutschke 1968 in Westberlin hinterließen bei dem jungen, unpolitischen Taufer ihre Spuren. In studentischen Basisgruppen in Freiburg und Mannheim fand er politischen Anschluss. Doch ihn ergriff immer mehr ein »Gefühl des Zerquetschtwerdens«, für das er und andere nach einem Ventil suchten: »Wir wollten handeln – und zwar in aller Deutlichkeit und Radikalität.« Er trat dem 1970 gegründeten Sozialistischen Patientenkollektiv (SPK) bei, einer Selbsthilfegruppe von Ärzten und psychiatrischen Patienten, die die »Krankheit zur Waffe« machen wollten.

Nachdem Holger Meins während eines Hungerstreiks der RAF-Gefangenen im November 1974 umgekommen war, ging Taufer in den Untergrund, um mitzuhelfen, die bundesdeutsche Stadtguerilla neu aufzubauen, deren Gründergenera­tion im Gefängnis saß. Der neue Kern der RAF bestand aus Mitgliedern der Hamburger und Heidelberger »Komitees gegen Folter«, der »Schritt in den bewaffneten Kampf (…) lag in der Luft.« Das sei »kein Spleen von einigen wenigen« gewesen, betont Taufer.

Mit der Besetzung der deutschen Botschaft in Stockholm am 24. April 1975 sollte Druck auf die Entscheidungsträger in der BRD ausgeübt werden, insgesamt 26 politische Gefangene freizulassen, unter ihnen die RAF-Gründer. Die Aktion geriet zum Fiasko: Zwei Botschaftsangehörige wurden erschossen, durch eine unkontrollierte Explosion kamen zwei RAF-Mitglieder ums Leben, Ulrich Wessel noch im Botschaftsgebäude und Siegfried Hausner unmittelbar nach seinem Transport in den Knast nach Stammheim.

Wenige Wochen zuvor war es der Bewegung 2. Juni gelungen, fünf Angehörige bewaffneter Gruppen gegen Peter Lorenz, den entführten Westberliner Spitzenkandidaten der CDU, freizupressen. Es war eine fatale Fehleinschätzung der Botschaftsbesetzer, dass der Bundeskanzler Helmut Schmidt (SPD) ein zweites Mal innerhalb kürzester Zeit nachgeben würde.

Taufer handelt die Besetzung auf knappen elf Seiten ab. Er resümiert: »Es dauerte lange, bis ich in meinem Fühlen und Denken zulassen konnte, dass die Tötung zweier Geiseln auf grausame Weise, für die ich mitverantwortlich bin, ein Verbrechen ist, das durch nichts zu rechtfertigen ist.« Es folgten 20 Jahre Knast, bis Taufer 1995 entlassen wurde.

»Ex-RAF-Gefangener« war für Taufer »keine Existenzgrundlage«. Er wollte das »deutsch-linksradikale Einheitsmilieu« hinter sich lassen. Ende der 90er zog er nach Uruguay, wo seine Schwester wohnte, 2002 nach Brasilien, wo er in den Favelas von Rio de Janeiro für den Weltfriedensdienst arbeitete. Ein Drittel des Buchs handelt von dieser Zeit: »Es waren die besten Jahre meines Lebens.« Auch wenn der Clinch mit den Behörden und dem »Narcotráfico«, der Drogenmafia, den Aufbau selbstverwalteter sozialer Zentren erschwerte.

2012 kehrte Taufer nach Deutschland zurück. In Berlin ist er als Vorstandsmitglied des Weltfriedensdienstes aktiv, auch wenn er »kein hundertprozentiger Pazifist« sei, wie er schreibt. Seine Argumentation folgt der gern benutzten Linie, wonach bewaffnete Kämpfe im fernen Trikont und früher »legitim« gewesen seien, in den nahen Metropolen und heute aber keine Grundlage hätten. Der rätedemokratische Versuch im kurdischen Rojava, der gegen den IS- und AKP-Terror bewaffnet verteidigt werden muss, ist für Taufer offenbar kein »Hoffnungsträger« für eine »menschlichere, gerechtere Welt«.

Taufers Erinnerungen sind ein weiterer Band der Serie von Einzelbiographien von Ruheständlern aus der 1998 aufgelösten RAF. Eine kollektive Geschichtsschreibung ehemaliger RAF-Angehöriger ist längst nicht mehr zu erwarten. Viele von damals haben sich zurückgezogen, sprechen nicht miteinander oder sind tot. Die Interpretationshoheit liegt weiterhin bei den »RAF-Experten« Stefan Aust, Butz Peters und Co.

Taufer wendet sich gegen die »einfache Negation« der Verhältnisse und die »Verletzung ethischer Grenzen«. Es geht ihm um Projekte sozialer Basisorganisierung.

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