Ewiger Underdog. Dem Tessiner Eishockeyklub HC Ambri-Piotta gelang endlich wieder ein Play-off-Sieg – ausgeschieden ist er trotzdem

Bei Windböen rieselt Schnee durch die undichten Seitenfronten, die engen Korridore zu den Rängen haben keine Fluchtwege, die Sanitäranlagen sind oft defekt. Kälter und rauher als an vergleichbaren Orten ist es hier, wenn Auswärtsteams in der Pista la Valascia auflaufen. So heißt die marode Spielstätte des Dorfklubs HC Ambri-Piotta (HCAP) aus der Tessiner Gemeinde Quinto. Die liegt direkt am dicht bewaldeten Berghang, nur wenige Kilometer vom Südportal des Gotthardtunnels entfernt.

Seit 1985 spielen die »Biancoblù«, wie die Puckjäger wegen ihrer Vereinsfarben genannt werden, ununterbrochen in der höchsten Schweizer Spielklasse, der National League (NL). Meister wurden sie nie, aber einmal Vize im Jahr 1999.

Der HCAP muss, anders als Kantonsrivale HC Lugano, ohne große Sponsoren, teure Legionäre und städtisches Einzugsgebiet auskommen. Aber genau das macht den Charme des Klubs aus. Die Rolle des Underdogs ist kein Marketingtrick – Saison für Saison geht es ums Überleben, manchmal sportlich, häufiger wirtschaftlich. 2011 stand der Klub vor dem finanziellen Kollaps, nur durch selbstlose Spendenaktionen von Fans und Gewerbetreibenden ließ sich die Insolvenz abwenden. 2017 konnte der Abstieg in die zweitklassige Swiss League gerade noch vermieden werden.

Die Fans in der Curva Sud sind etwas Besonderes. Über die Schweiz verteilt Tausende, pilgern sie in das Tal, um den HCAP zu unterstützen. Stürmisch und leidenschaftlich sind sie, ihre Fahnen mit dem Che-Guevara-Konterfei haben sie immer dabei. Es klingt ein bisschen abgeschmackt, aber der HCAP ist ein Kultklub. Philipp Schärli, Präsident des HCAP-Fanklubs aus Luzern, beschreibt gegenüber jW das Erweckungserlebnis, »wenn dir bewusst wird, dass du dich richtig entschieden hast«. Und das, »obwohl du höchstwahrscheinlich nie eine Meisterfeier erleben wirst«. Nach Siegen intonieren die HCAP-Fans die Klubhymne »La Montanara«, ein mystisches Volkslied aus den Bergen.

Der HCAP stand in dieser Saison erstmals seit 2014 wieder in den Play-offs (Modus »Best of seven«). Gegner war der EHC Biel aus dem Kanton Bern, eine Art Angstgegner. Erst im vierten Spiel gelang mit einem knappen 2:1 der erste Play-off-Sieg nach einer 13jährigen Durststrecke in den Finalrunden. Im fünften Play-off-Spiel am Dienstag abend war allerdings Schluss. Der EHCB nutzte seinen Heimvorteil, rang den HCAP mit 2:1 nieder und steht nun im Halbfinale. Paolo Duca, Exkapitän und heute HCAP-Sportchef, sagt auf jW-Nachfrage: »Wir waren an unserem Limit, nur Details entschieden über Sieg oder Niederlage.« Das Manko: Die Sturmreihe um den tschechischen Topscorer Dominik Kubalik, eigentlich das Prunkstück von Trainer Luca Cereda, entfaltete im 5-gegen-5-Spiel zu wenig Schlagkraft. Der Bieler Center Jan Neuenschwander brachte es gegenüber dem Tages-Anzeiger in der Ausgabe vom 16. März auf den Punkt: »Spielen wir unser Spiel, sind wir besser.«

Nein, unterkriegen lässt sich der HCAP durch das Play-off-Aus nicht. Es sei auch immer der Kampf gegen kapitalkräftige Klubs mit moderner Infrastruktur, sagt Duca. Sein Credo: »Wir arbeiten und kämpfen immer hart.« Wird das Team nun auseinanderbrechen? Das nicht, aber Duca ist Realist: »Eine Mannschaft komplett zusammenzuhalten, ist nicht möglich.« Kubalik wird wohl Richtung Nordamerika abwandern, seine Sturmpartner Dominic Zwerger und Marco Müller hingegen bleiben.

Die Valascia genügt verschärften Liga­standards nicht mehr (zu viele Stehplätze, Lawinengefahr) und wird rückgebaut. Eine neue Halle entsteht abseits des Rollfelds des kleinen örtlichen Flugfelds. Aber: Wird die Atmosphäre bleiben? HCAP-Fanpräsident Schärli: »Wir werden alles daran setzten, die Nuova Valascia zu einem magischen Ort zu machen.«

Quele: https://www.jungewelt.de/artikel/351520.eishockey-ewiger-underdog.html?fbclid=IwAR1aqR2g7Blj1aiUX4mbjeg1L2K79V_FxqeNuHKzeSiBWavMIEEHKjRu3Jk

Ein Kommentar

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.