Feindbild Fan. Zivilpolizisten provozieren Heimfans der SpVgg Greuther Fürth und zeigen sie an

Sonntag, 15. Oktober 2017. Es war der zehnte Spieltag in der 2. Bundesliga. Der FC Erzgebirge Aue gastierte beim Tabellenletzten SpVgg Greuther Fürth. Die 9.500 Zuschauer sahen eine enge Partie zweier Teams, die in jener Saison nur knapp den Klassenerhalt schaffen sollten. Die SpVgg führte zur Pause mit 1:0, Aue glich in der 78. Minute aus, ehe drei Minuten vor Schluss die Kleeblätter das Siegtor erzielten.
(Übrigens: Fans haben die Kampagne „Zurück zu den Wurzeln – zurück zur SpVgg Fürth“ gestartet, um den ungeliebten Namenszusatz „Greuther“ nach dem Beitritt der TSV Vestenbergsgreuth 1996 wieder loszuwerden.)

Ein Kick voller Emotionen. Auch für zwei Heimfans, die sich nicht zum »harten Kern« der aktiven Fanszene zählen, aber regelmäßig im Block hinter dem Tor im Sportpark in Ronhof standen. Dieses Spiel wollten sie ohne Ärger auf der Gegengeraden mit freiem Blick aufs Spielfeld verfolgen.

Ein Irrtum. Was folgte, beschreibt die Fürther Fanhilfe »Weiß-Grüner Hilfefonds« in einer kürzlich veröffentlichten Stellungnahme. Während des Spiels fiel dem Fanduo eine Personengruppe auf, »die recht provokant in ihre Richtung jubelte«, also für Aue. Als die Gastgeber das Match kurz vor Abpfiff drehen konnten, triumphierten die beiden ihrerseits provokant und mit einem nicht gerade »chorknabenhaften Wortschatz« in Richtung der vermeintlichen Aue-Fans. Das Nachspiel folgte prompt: Die zwei Fanschauspieler gaben sich als örtliche Zivilbeamte zu erkennen und nahmen die beiden Fans wegen des Verdachts auf Beleidigung nach Paragraph 185 StGB vorläufig fest. »Die juristische Maschinerie ging ihren üblichen Gang«, schreibt die Fanhilfe. Die Fans der SpVgg akzeptierten den Strafbefehl »zähneknirschend«, um eine öffentliche Hauptverhandlung zu vermeiden.

Für Thomas Weber, Sprecher der Fanhilfe, war dieser Fall von Agents provocateurs im Fürther Stadion ein Novum – gegenüber jW sagt er: »Als Fans sehen wir uns mit einer zunehmenden Überwachung konfrontiert.« In Einzelfällen suchten Ermittler aktive Fans auf der Arbeitsstelle auf, um Druck bei den Betroffenen und ihren Arbeitgebern aufzubauen. »Das war auch als Signal zu verstehen, dass die Verfolgungsbehörden es ernst meinen«, sagt Weber. Eine jW-Anfrage an die Pressestelle des Polizeipräsidiums Mittelfranken blieb bis Redaktionsschluss unbeantwortet.

Ralf Peisl aus Nürnberg ist seit gut zehn Jahren Fananwalt und vertrat einen der Anhänger. »Fußballfans sind ein beliebtes Feindbild, gegen das mit aller Macht polizeilich vorgegangen wird«, sagt Peisl im jW-Gespräch. Beleidigungsverfahren seien eine typische Begleiterscheinung an Spieltagen. »Einige Polizeibeamte wissen, wie sie Emotionen bei bestimmten Fans hochkochen können, die sich dann zu Beleidigungen hinreißen lassen.« Noch stärker beunruhigt Peisl Folgendes: »In unserer anwaltlichen Praxis haben Verfahren nach Paragraph 114 StGB, tätlicher Angriff auf Vollstreckungsbeamte, zugenommen.« Dieser Paragraph werde »sehr großzügig« ausgelegt: »Jeder kleinste Körperkontakt in einem Handgemenge mit Polizeibeamten wird als tätlicher Angriff gewertet und strafrechtlich verfolgt.« Mit Folgen: Bei einer Verurteilung drohen drei Monate Freiheitsentzug – Minimum.

Den »erweiterten Spielraum« des im Mai 2018 novellierten Bayerischen Polizeiaufgabengesetzes (PAG) bekommen Fürther Anhänger bereits jetzt zu spüren. Repressiver sei es rund ums Stadion geworden, meint Weber. Vier Fans wurden vor der Heimpartie gegen Jahn Regensburg im Oktober vergangenen Jahres aus »reinem Verdacht« nach Artikel 17 des PAG in Gewahrsam genommen. Gegen diese Maßnahme hat das Quartett Widerspruch eingelegt.

Quelle: https://www.jungewelt.de/artikel/351766.fu%C3%9Fball-feindbild-fan.html

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