Gegen den Trend. Zoff bei Hertha BSC: Geschäftsführung und Ultras haben sich (fast) nichts mehr zu sagen

Der Hauptstadtklub Hertha BSC hat ein Fanproblem. Nein, keine Scharmützel vorm Stadion mit gegnerischen Cliquen, keine homophoben Transparente an der Balustrade und auch keine verbotene Bengalo-Show in der Ostkurve des Olympiastadions. Die Dinge liegen anders: Die aktive Fanszene von Hertha muckt gegen die Geschäftsführung des eigenen Vereins auf. Die zeige nämlich seit Jahren keine Dialogbereitschaft auf Augenhöhe und setze zu stark auf Digitalisierung, so der Hauptvorwurf der energischsten Klubfans, der Ultras. Während des Heimspiels der Hertha am 31. März gegen den VfL Wolfsburg kam es zum öffentlichen Eklat. Ultras entrollten Wandtapeten mit markigen Sprüchen: »Keuter, dein Ende naht!«, stand auf einer.

Im Kreuzfeuer der Kritik: Paul Keuter, 43, Ex-Twitter-Sportchef, Typ Innovator. In der Hertha-Geschäftsführung ist er zuständig für Hertha als »Marke«. Mit viel Kreativität will er seit 2016 das Image des Klubs aufpolieren; dafür legen die Spieler auch schon mal die blau-weißen Traditionsfarben ab und schlüpfen in quietschgelbe Jerseys. Keuter soll dem Klub zum Sprung in die virtuelle Welt verhelfen – deshalb die Vereinsoffensive in den sogenannten sozialen Medien und die Gründung einer E-Sport-Akademie.

Das gefällt allerdings nicht allen im Verein. Bereits im Januar 2017 erklärten die wichtigsten Hertha-Ultragruppen Harlekins Berlin ’98, Dynamic Supporters 2005 und Hauptstadtmafia 2003: »Wir machen euren Imagewechsel nicht mit!« Sie empfinden die »Vereinsidentität« als angegriffen. Zu einem weiteren Disput kam es kurz vor dem Spiel gegen die TSG Hoffenheim am 3. Februar, als die Ultras Auflagen aus der Hertha-Zentrale erhielten. Die Gestaltung der Banner musste zuvor abgesegnet werden, weder Name noch Bild von TSG-Investor Dietmar Hopp durften gezeigt werden. Ein klarer Fall von Zensur, schrieben die Harlekins Anfang Februar. Konsequenz: kein aufwendig gestaltetes Bühnenbild mehr im Olympiastadion, bis auf weiteres.

Mächtig verärgert holten die Harlekins zwei Wochen später zum Rundumschlag aus. Der Verein bewege sich in eine »völlig falsche Richtung«, erklärten sie, die Vereinsspitze habe für die aktiven Anhänger nur noch »Arschtritte« übrig. Gegen diese Entwicklung gelte es anzukämpfen. Denn: Die Hertha-Geschäftsführung vernachlässige nicht nur den Fankontakt, sondern betreibe auch keine identitätsstiftende Geschichtsarbeit vor Ort und liebäugle sogar mit einem Stadionneubau im Brandenburger Umland. Kein Wunder, denn der offizielle Klub habe seine Aktivitäten ins Internet verlagert. »Aufgrund dessen haben wir vor eineinhalb Jahren den Dialog abgebrochen.« Die Harlekins fordern nicht nur den Abgang Keuters, sondern einen personellen Austausch der kompletten Geschäftsstelle, auch wenn ihnen klar sei, dass das »unrealistisch« ist, wie sie jüngst in einem ihrer seltenen Interviews in der Berliner Morgenpost einräumten.

Keuter gibt sich weiter visionär. In Bild vom 23. März sagte er: »Die Digitalisierung verändert alles, unser ganzes Leben. Wer sagt, dass die Digitalisierung den Fußball kaputtmacht, hat den Schuss nicht gehört.« Der digitale Kulturwandel sei eine »Riesenchance« – das müssten auch die Traditionalisten von den Ultras begreifen. Auch die Vereinsoberen zeigen sich von den »Anti-Digital-Protestlern«, wie sie Bild nennt, unbeeindruckt. Rückendeckung erhält Keuter besonders von Hertha-Manager Michael Preetz, der in der Fußball-Bild (3. April) die »Geschlossenheit der Vereinsführung in den entscheidenden Zukunftsfragen« betonte. Und wie reagiert Keuter auf die Wandtapeten gegen ihn? Gleichfalls gelassen: »Wenn das der Preis ist, den man für eine klare Haltung heutzutage zahlen muss, dann ist das so.«

Der schwelende Konflikt ist zu einer offenen Fehde geworden. Bei Verstößen gegen die Stadionordnung würden Täter identifiziert und Sanktionen verhängt, sagte Marcus Jung, Leiter Kommunikation und Medien bei Hertha BSC, auf Nachfrage von jW. Aber so ganz will man in der Hertha-Zentrale den Kontakt zu den Ultras nicht abreißen lassen: »Es wird ein konkretes Gesprächsangebot an die entsprechenden Gruppierungen ausgesprochen«, versicherte Jung. Dennoch stellen sich die Ultras weiter gegen den Trend: »Hertha findet in den Kiezen, den Kneipen, den Schulen und natürlich im Stadion statt! Nicht auf Twitter, Facebook oder sonstwo!«

Quelle: https://www.jungewelt.de/artikel/330739.gegen-den-trend.html

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