Gerangel auf stillem Gewässer Kanupolo in Österreich ist noch weit von der internationalen Spitze entfernt. Das will Multitalent Felix Kutscha-Lissberg ändern

Auf dem Wasser Spieler, am Ufer Trainer, im Klub Cheforganisator. Felix Kutscha-Lissberg, 25jähriger Bauingenieur, ist so etwas wie der Pionier des Kanupolos in Österreich; einer, der den Sport in seinem Land pushen will. »Ein Lebensprojekt«, wie er gegenüber jW während der elften Auflage des Internationalen Kanupolo-Turniers am vergangenen Wochenende an der Alten Donau in Wien einräumte.

Organisiert hat das Turnier die Kanupolo-Sektion der Union Kanu-Klub Wien (UKK), Kutscha-Lissbergs Heimatverein. 24 Teams aus sieben Ländern waren am Start. »Unsere Grenzen sind organisatorisch erreicht«, stellte das Orgatalent fest. Ein Turnier mit Wettkampfcharakter und »Funfaktor«: Von Jugendmannschaften über Mixteams bis zu deutschen Bundesligisten spielten alle mit – in Divisionen untergliedert, nach Altersgruppe und Spielstärke. Zwei Tage Kanupolo in seiner ganzen Breite nonstop ab acht Uhr morgens.

Kanupolo ist eine englische Erfindung. Kanuten auf der Insel wurde es zu langweilig, eine Regattastrecke schnellstmöglich zu passieren. Zuschauern sowieso. Ein Mannschaftssport mit Toren und Ball sollte her. Seit 1927 betreiben Wassersportler in Deutschland Kanupolo. In Österreich wurde der Spielbetrieb mangels Aktiver nach der Europameisterschaft 1995 eingestellt. Erst 2007 kam mit der Gründung der Wiener Kanupolo-Sektion neuer Schwung. »Das war anfangs eher eine Altherrenpartie, später stießen Junge hinzu«, erinnert sich Kutscha-Lissberg. Bei der EM 2017 in Frankreich rangierte das österreichische Männerteam bei 17 Startern auf Platz 15. »Wir wollten nicht Letzter werden.«

Kanupolo-Ligen wie in Deutschland gibt es in Österreich nicht. Es sind zu wenige Teams, die aber einmal jährlich im Turnierformat die Staatsmeisterschaft ausspielen. Kutscha-Lissberg spielt seit zwei Jahren zusätzlich in der deutschen Bundesliga, aktuell bei der Kanu-Gesellschaft Wanderfalke aus Essen. Achter seien sie nach der Hin- und Rückrunde. »Das reicht, um Mitte September die Playoffs zu spielen.«

Und die Spielregeln? Fünf gegen fünf auf 23 mal 35 Metern über zweimal zehn Minuten Spielzeit. Die beiden Tore befinden sich jeweils an der Hinterlinie zwei Meter über der Wasseroberfläche auf stillem Gewässer. »Handball im Wasser« mit wendigen, speziellen Einerkajaks, vorne und hinten mit Pufferzone, robusten Paddeln und einem Wasserball des gleichnamigen Sports. Eine gepolsterte Schutzweste und ein Helm mit Gitter vor dem Gesicht sind Pflicht. Der Ball kann mit Händen und Paddel gespielt werden – fünf Sekunden, dann muss er gepasst oder geworfen werden. In der Sechs-Meter-Zone vor dem Tor attackieren sich die Spieler leidenschaftlich. Außerhalb dieser Zone darf nur der ballführende Kontrahent an der Schulter oder seitlich geschubst werden, was – ganz regelkonform – zum Kentern führen kann. Torwürfe wehrt der Torwart mit dem hochgereckten Paddel ab, die Toranzahl entscheidet über Sieg oder Niederlage. Kutscha-Lissberg: »Ein körperbetonter Sport mit vergleichsweise geringem Verletzungsrisiko.«

Als Ausrichter des Turniers wollte er ein Zeichen setzen und Dritter hinter den deutschen Bundesligisten Kajak-Club Nord-West (KCNW) aus Berlin und dem KSV Glauchau aus Sachsen werden. Dafür musste im Spiel um Platz drei das Team aus Triest den kürzeren ziehen. In den Sechs-Meter-Zonen ging es ordentlich zur Sache – immer mittendrin, vorne wie hinten: Kutscha-Lissberg mit der Nummer 4. Er schob, drängte, blockte. 2:1 hieß es nach der ersten Halbzeit für die Norditaliener. Im zweiten Durchgang kam die Wende vor gut 150 Zuschauern: UKK siegte knapp 3:2 – zweimal netzte der Vierer ein.

Das Finale war dagegen fade. Das Berliner Mixteam dominierte die Glauchauer klar – Endstand: 6:1. Beim KCNW hütete Fabienne Thöle (27) das Tor – die Doppelweltmeisterin und zweifache World-Games-Siegerin hatte im vergangenen Jahr ihre Nationalmannschaftskarriere beendet. »Nein, das war kein wirklicher Leistungstest, eher ein Spaßturnier«, sagte sie gegenüber jW.

Kanupolo ist ein wenig als Studentensport verschrieen. Chris Ziese (27) war nie Studi: »Ich bin Polier im Straßenbau«, sagte der gebürtige Glauchauer mit dem Vizepokal in der Hand. Im Finale ging nichts mehr: »Wir haben das Tor einfach nicht getroffen, das schlaucht«, bilanzierte der Kapitän.

Kutscha-Lissbergs Umschaltspiel – zwischendurch coachte er noch die U19 von UKK Wien durchs Turnier – klappte auch abseits vom kühlen Nass. Im Anschluss an das Endspiel kürte er die Plazierten und Sieger, verteilte Glückwünsche, überreichte Pokale – alles in feinstem Englisch, beinahe präsidial. Dann musste der Abbau koordiniert werden. Rasch ließen sich zwei Dutzend Helfer zuteilen. Zelte, Kajaks, Bänke, Tische, Lautsprecher und Spielfelder mussten weg. Alle schleppten, verstauten und staunten, dass nach kurzem Körpereinsatz kaum noch etwas an zwei Tage Camping mit Kanupolo-Turnier an der Alten Donau erinnerte.

Kutscha-Lissbergs Fazit: »Ein viel zu kurzes Turnier im Verhältnis zur viel zu langen Vorbereitungszeit.« Ein paar Spuren sind sichtbar, kleinere Schürfwunden am Unterarm, müde Augen. Egal: »Es war ein spitzenklasse Turnier an einer geilen Location – nächstes Jahr wieder!«

Quelle: https://www.jungewelt.de/artikel/338019.kanupolo-gerangel-auf-stillem-gew%C3%A4sser.html

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