Hinter der Mallinie. Heidelberger Lokalrivalen kämpften in Berlin um den deutschen Meistertitel im Rugby

»Rudern Sie gelegentlich?« Elmar Heimpel wirkte kurz verdutzt, antwortete aber schlagfertig: »Nur an der Rudermaschine.« Der 25jährige ist bei der Rudergesellschaft Heidelberg (RGH) Kapitän der Rugbyabteilung. Als der Neckar zugefroren war, sollen rudernde Heidelberger Studenten dem rustikalen Sport verfallen sein, besagt die Legende. Seit 1919 raufen Spieler bei der RGH um das Ei, beim ältesten deutschen Rugbyverein Heidelberger Rugbyklub (HRK) bereits seit 1889.

RGH und HRK bestritten am Samstag im Stadion des Rugbyklubs 03 Berlin im Stadtteil Weißensee das Finale um die Deutsche Meisterschaft. Die RGH stand nach zehn Jahren mal wieder im Endspiel, der HRK zum zehnten Mal in Folge. In den Halbfinals eine Woche zuvor hatten sich die Heidelberger gegen die beiden besten Teams aus der Nordstaffel der zweigleisigen Bundesliga durchgesetzt. HRK kam gegen die ersatzgeschwächten Hannoveraner vom SC Germania List zu einem 118:0-Kantersieg, RGH gewann 32:24 bei Hannover 78.

Das Spiel um den Titel endete mit 47:12 für den HRK weniger klar als die Ligapartien in dieser Saison, in denen die Rugger vom HRK mit ihrem Lokalrivalen kurzen Prozess gemacht hatten (Hinspiel 97:3, Rückspiel 76:3). Im zweiten Abschnitt des Finales kämpfte RGH phasenweise auf Augenhöhe mit dem Straßennachbarn (die Sportanlagen beider Klubs im Stadtteil Kirchheim sind nur durch den Harbigweg getrennt). Als die RGH-Spieler durch zwei »Versuche« (je fünf Punkte gibt es, wenn das Ei hinter der gegnerischen Mallinie abgelegt werden kann) und eine Erhöhung (zwei weitere Punkte für den Zusatzkick zwischen die H-förmigen Malstangen oberhalb der Querstange) verkürzten, spendete ein Großteil der 1.100 Zuschauer Szenenapplaus. »Entweder wir hauen alles raus, gehen aufs Ganze, oder wir gehen unter«, erklärte Heimpel hinterher den Matchplan, der nicht ganz aufgegangen war. »Wir wollten eine weitere Klatsche vermeiden. Das ist uns gelungen«, konstatierte Trainer Rudolf Finsterer. »Aber es gab zu viele individuelle Fehler in unserem Spiel, und der HRK war uns als Kollektiv körperlich in wichtigen Szenen überlegen.«

Der HRK gilt aufgrund des Sponsorings von Multimilliardär Hans-Peter Wild (»Capri-Sun«) als Ligakrösus. Die HRKler sind Profis, die RGHler Amateure. Beim HRK sind die meisten deutschen Nationalspieler im traditionellen Rugby (15 Feldspieler) unter Vertrag. In der olympischen Variante mit sieben Akteuren hat die RGH die Nase vor. Warum kommen die besten deutschen Teams aus Baden-Württemberg? Claus-Peter Bach, seit 1986 Präsident des dortigen Landesverbands, begründet das mit der »sehr guten Jugendarbeit«. Und: »Klubs wie der HRK oder der TV Pforzheim sind finanziell gut ausgestattet und können ihre Teams mit Legionären ergänzen.«

Heidelberg ist mit dem Leistungszentrum der 15er- und dem Olympia-Stützpunkt der 7er-Nationalmannschaft die Hochburg im deutschen Rugby. Die Stadtderbys zwischen HRK, RGH, TSV Handschuhsheim und SC Neuenheim (letzterer stieg diese Saison ab) sind legendär. »Die große Rivalität unter den Stadtklubs ist über Jahrzehnte gewachsen«, sagte Bach am Samstag in Berlin. Heimpel meinte sogar, er würde während der Derbys »Feindschaft« empfinden. Trainer Finsterer widersprach seinem Schützling. »Feinde« gebe es im sportlichen Wettstreit nicht, Rivalen schon.

In ihrer Ausgabe vom 2. Juni monierte die Rhein-Neckar-Zeitung die wiederholte Ausrichtung des Finales in Berlin: weite Anreise, hohe Kosten. Ingo Goessgen, Präsident des Ausrichters RK 03, hielt dem entgegen: »Wir haben für unsere Organisation des Finales im vergangenen Jahr Bestnoten bekommen, uns deshalb wieder beworben und den Zuschlag vom Deutschen Rugbyverband erhalten.« Er könne sich Berlin auch als fixen Austragungsort des Saisonhighlights vorstellen.

Kapitän Heimpel hatte gegen Berlin nichts einzuwenden. Nach seiner nahen Zukunft befragt, meinte er: »Ich war immer bei der RGH, ich werde hier auch irgendwann meinen Sport an den Nagel hängen.« Einer, der auf seiner Straßenseite bleibt.

Quelle:https://www.jungewelt.de/artikel/333599.hinter-der-mallinie.html

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.