»Hiphop ist nicht die Sprache der ›Political Correctness‹« Österreich: Rapper texten gegen rechte ÖVP/FPÖ-Regierung sowie Musiker Andreas Gabalier. Ein Gespräch mit »Kid Pex«

Sie engagieren sich als Rapmusiker für die »Donnerstagsdemonstrationen« gegen die ÖVP/FPÖ-Regierung in Wien. Im vergangenen Herbst haben Sie mit Ihrem Künstlerkollegen »Kroko Jack« den Song »So viel Polizei« veröffentlicht – ein Track, der aufrütteln soll?

Absolut. Täglich erleben wir im blau-türkisen Disneyland für Rechtsradikale die »Wunder«, die uns Norbert Hofer 2016 als damaliger FPÖ-Kandidat im Bundespräsidentschaftswahlkampf versprochen hatte. Er sagte: »Sie werden sich noch wundern, was alles möglich ist …« Vom Kopftuchverbot in Schulen über die Aussage von FPÖ-Sozialministerin Beate Hartinger-Klein, wonach 150 Euro zum Leben monatlich reichten, bis zur »Errungenschaft« eines Zwölf-Stunden-Arbeitstags. Und Innenminister Herbert Kickl von der FPÖ spricht ganz unverhohlen vom »Konzentrieren von Flüchtlingen«.

Wir rappen seit Jahren gegen rechts. Es war für uns an der Zeit, lyrisch schärfer zu schießen. Hiphop ist nicht die Sprache der »Political Correctness«, sondern der kompromisslosen Rebellion. Wir dürfen uns den Mund nicht verbieten lassen. Vor allem nicht von Leuten wie Andreas Gabalier, der von eisernen Kreuzen und Kameraden singt und dabei die Freiheit der Kunst für sich reklamiert – aber gegen uns vorgeht, falls man mal etwas gegen ihn sagt.

In dem Track heißt es in einer Zeile: »I tat den Andi Gabalier net an die Wand stellen lassen, aber samma si ehrlich, eigentlich gehört er dasch …«. »Dasch« ist österreichischer Dialekt für »erschossen«. Zu dieser Zeile formt Ihr Kollege »Kroko Jack« im dazugehörigen Video mit der rechten Hand eine Pistole und hält sie einer Gabalier-Pappmaske an den Kopf. Ein Aufruf zum Mord?

Auf keinen Fall. »Kroko Jack« kommt aus dem Battle- und Gangsterap, in dem eine härtere Metaphorik milieubedingt eine wichtige Rolle spielt. Er will das Weltbild von Gabalier erschießen – nicht ihn selbst. Jede Oma weiß doch, dass es bei Hiphop nicht um Vorträge auf einer diplomatischen Akademie geht. Und letztlich rappt er im Track »9 Millimeter«: »Mit da Pappn, ned mit ana echten Glock, in da Pappn liegt nämlich die greßte Kroft«.

Andreas Gabalier hat Sie nun wegen dieser Zeilen anzeigen lassen. Was sagt Ihr Anwalt dazu?

Der lacht genauso wie wir über die Anzeige. Wenn Österreich mittlerweile keine braune Bananenrepublik geworden ist, dann wird er damit nicht durchkommen. Das ist ein Angriff auf die Freiheit der Kunst. Die spielt für Herrn Gabalier sonst immer eine wichtige Rolle, um seine Coverposen, möchtegern witzigen Kopftuchselfies und Kameradenzeilen zu decken.

»Kroko Jack« wurde bereits von der Polizei vernommen, Ihre Vernehmung steht noch aus. Ihre Aussagen bilden die Grundlage für eine etwaige Anklage durch die Staatsanwaltschaft. Rechnen Sie mit einem Prozess?

Sollte es dazu kommen, drohen uns laut Gesetz Geldstrafen oder bis zu ein Jahr Haft. Wenn wir wegen Rapzeilen ins Gefängnis müssen, dann wäre das ein Präzedenzfall. Aber im blauen Wunderland scheint alles möglich. Anzeigen ist das beliebteste Mittel von Leuten wie FPÖ-Vizekanzler Heinz-Christian Strache, »Identitären«-Chef Martin Sellner oder eben Gabalier. Wir lassen uns davon nicht einschüchtern.

Erhalten Sie Unterstützung aus der österreichischen Rapszene?

Die Solidarität hält sich traurigerweise in Grenzen und kommt eher aus dem linken Spektrum, von Künstlern wie »Def Ill«, »Antifamilia«, »Drexor«, »Yasmo« oder »Esrap«. Es sind vor allem Rapperinnen, die sich für mich stark machen – die haben die wahren Eier. Die Abkassierer und von »Red Bull«-Boss Dietrich Mateschitz aufgekauften Leute aus der Rapszene mögen mich nicht. Ich spreche mich gegen konzerngesteuerte Festivals aus und lehne Auftritte auf »Red Bull«-Bühnen des Kapitalismus ab. Rap kann nur so widerstandsfähig sein, wie glaubwürdig seine Trägerinnen und Träger sind. Ich will mir in den Spiegel schauen können – auch in zehn, 30 oder 50 Jahren.

»Kid Pex« (bürgerlich Petar Rosandic) ist österreichischer Rapper

Quelle: https://www.jungewelt.de/artikel/350305.musiker-gegen-rechts-in-%C3%B6sterreich-hiphop-ist-nicht-die-sprache-der-political-correctness.html?fbclid=IwAR1MBhkSIVod8T4URQDy9U7c8ziuu3eSLjQMvZSpcxUWmihmfK8bWrimlpQ

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