Kaffeesatz und Versatzstücke. Der Versuch, das Leben der RAF-Mitgründerin Gudrun Ensslin zu erzählen

Es ist der Erstversuch einer Einzelbiografie zu Gudrun Ensslin. Über die „Spannung aus Nähe und Distanz“ will die Freiburger Literaturwissenschaftlerin Ingeborg Gleichauf den Lebenslauf der Mitgründerin der Rote Armee Fraktion (RAF) einfangen. Titel des Buchs: „Poesie und Gewalt. Das Leben der Gudrun Ensslin.“

„Sich mit Gudrun Ensslin auseinanderzusetzen, heißt auch, sich mit Ensslin-Deutungen auseinanderzusetzen“, schreibt Gleichauf. Sie beginnt mit Entgegnungen und nimmt sich die Heroren der staatstragenden RAF-Geschichtsschreibung einzeln vor: Stefan Aust, Butz Peters, Wolfgang Kraushaar. Textkritisch räumt sie mit deren patriarchalen Klischeebildern der „strengen Pastorentochter“, des „kalten Racheengels“ und der „gnadenlosen Terroristin“ auf. Die Autorin will der „Schattengestalt mit schwäbisch-provinziellem Pastorentochterhintergrund“, die „in der öffentlichen Meinung herumgeistert“, ins rechte Licht rücken. Mit diesen Textstellen überzeugt Gleichauf. Es bleiben aber die einzigen.

Ensslins Vita

„Es gibt zum Glück kein Muster, nach dem eine Biografie zu schreiben wäre“, behauptet Gleichauf. „Es muss erlaubt sein, das Vorstellungsvermögen einzusetzen, was nicht zu verwechseln ist mit wilder Spekulation“, fügt sie hinzu. Damit stellt sie sich einen Blankoscheck für das aus, was als vermeintliche „Verbindung von Erzählung und Analyse“ auf 350 Seiten folgt.

Mutmaßungen, Annahmen und Möglichkeiten durchziehen den Text. Der Konjunktiv begleitet die gesamten Ausführungen Gleichaufs. Konkret wird die Autorin selten, ihre Vorstellungskraft speist sich aus dem psychologischen Kaffeesatz, sie reiht Versatzstück an Versatzstück. Die Spurensuche verliert sich nicht erst im Verlauf der Erzählung. Bereits für die ersten Lebensjahre Gudrun Ensslins „erweist sich [die Faktenlage] als äußerst dürftig“, so Gleichauf.

Die folgenden Lebensstationen Ensslins bleiben gleichfalls nebulös. Kostproben: „Was sich wirklich abgespielt hat, kann aber niemand genau wissen.“ Oder: „Die Geheimnisse ihres Inneren [von Gudrun Ensslin, Anm.] sind selbstverständlich nicht zu ergründen:“ Oder: „Es ist gut möglich, dass Ensslin glaubt […].“

Im Kern fragt sich Gleichauf, wie „eine literarisch hochgebildete Person“ zur „Führungsspitze der RAF“ gelangen konnte. Offenbar ein Faszinosum.

Ensslins Herkunft

Gudrun Ensslin wird 1940 im schwäbischen Dorf Bartholomä geboren. Ihr Vater Helmut Ensslin, der evangelische Pfarrer, ist Gegner der NSDAP und Mitglied in der Bekennenden Kirche. Daheim wird ein antifaschistischer Grundton angestimmt. Im NS-Protektorat Böhmen-Mähren leistet der Pfarrer ab Januar 1942 Garnisionsdienste. „Ilse Ensslin muss bis Kriegsende ohne ihren Mann auskommen“, erwähnt Gleichauf. Mit vier kleinen Kindern und einem Haus- und Kindermädchen.

Nach dem Krieg kehrt Helmut Ensslin nach Bartholomä zurück, um seine alte Pfarrstelle wieder anzutreten. Ensslins Kindheit wirkt behütet, fast idyllisch: „Das kleine Mädchen Gudrun mit den rötlich-blonden Zöpfen wird von den Menschen ihrer Umgebung als fröhliches Kind beschrieben.“ Die Familie Ensslin zieht 1948 nach Tuttlingen. Der Haushalt der Ensslins ist ein politischer, und „im Tuttlinger Pfarrhaus [werden] Persönlichkeiten wie Gustav Heinemann und Martin Niemöller empfangen.“ Gudrun Ensslin tritt ein Universitätsstudium in Tübingen an, sie „gilt als die Begabteste in der Familie“. Literatur ist ihr Schwerpunkt, Hans Henny Jahnn ihr bevorzugter Schriftsteller.

An der Tübinger Hochschule lernt sie Bernward Vesper kennen, den Sohn des Nazi-Dichter Will Vesper. Die Beziehung zu Vesper beschreibt Gleichauf als „eine Art Doppelleben aus Bürgerlichkeit und Chaos.“ Ensslin engagiert sich. Zum Beispiel im von Günter Grass initiierten „Wahlkontor deutscher Schriftsteller“, dem literarischen Supporterclub für Willy Brandts angestrebte Kanzlerschaft.

Gleichauf attestiert Ensslin mehrfach eine hohe literarische Qualität: „Wie perfekt sie die Kunst beherrscht, mit ein paar Sätzen eine atmosphärische Dichte herzustellen.“ Zugleich bedauert sie, dass sich kein Professor fand, „der in das Gespräch tritt mit dieser literarisch und literaturwissenschaftlich so begabten Studentin.“

Ensslins Vorlauf

Die Studentin Ensslin erhält nach mehreren Anläufen ein Stipendium und zieht mit Vesper nach Westberlin, um an der Freien Universität zu Jahnn zu dissertieren. Der Mord an Benno Ohnesorg am 2. Juni 1967 während der Anti-Schah-Demonstration vor der Deutschen Oper in Westberlin ist auch für Ensslin ein Schlüsselereignis. Sie beteiligt sich an der Aktion gegen den Berliner Regierenden Bürgermeister Heinrich Albertz auf dem Kurfürstendamm. Kurz danach kommt es Gleichauf zufolge zu einer „folgenschweren Begegnung“. Sie begegnet Andreas Baader, ein „Anti-Familienmensch, dazu eher bücherfern“, wie die Autorin meint. Im Februar 1968 trennt sie sich endgültig von Vesper, dem Vater ihres gemeinsamen Sohns Felix.

Ensslin politisiert und radikalisiert sich. Gleichauf atmet aber noch einmal auf: „Für eine gedankliche Hinwendung zur Gewalt gibt es allerdings zu diesem Zeitpunkt noch keine Anhaltspunkte. Von einem Aufbruch in den Terrorismus kann noch keine Rede sein.“

Am 2. April 1968 zünden mehrere Brandsätze in zwei Frankfurter Kaufhäusern. Ensslin, Baader, Thorwald Proll und Horst Söhnlein werden als Tatverdächtige ausgemacht und inhaftiert. Die Kolumnistin der Zeitschrift „konkret“, Ulrike Meinhof, besucht Ensslin in der Haft. Beide Frauen bewegen sich aufeinander zu, wenn man Gleichauf folgen will.

Die Kaufhausbrandstifter von Frankfurt/M. werden unisono zu drei Jahren Haft verurteilt. Nach dem Urteilsspruch wird das Quartett entlassen, um außerhalb der Haft den Ausgang der Revision abzuwarten. Nach der gescheiterten Revision entziehen sich die Kaufhausbrandstifter dem Haftantritt. Zielpunkt: Jordanien. Dort lässt sich die Reisegruppe im rudimentären Schnellkursus im Umgang mit Waffen und Sprengmitteln unterrichten. Nach der Rückkehr wird die Idee für den Aufbau einer bundesdeutschen Stadtguerilla nach internationaler Vorlage praktisch. Für Gleichauf „wird das Doppelgesichtige“ bei Ensslin „immer deutlicher.“ Und: „Diese ´alte´ Gudrun Ensslin ist endgültig auf dem Rückzug.“

Ensslins Kleinkrieg

Nach der Befreiung von Andreas Baader im Mai 1970 existiere für Ensslin nur noch das „Wir-Subjekt RAF“, so Gleichauf. Für die Biografin bedeutet das, dass „[e]s immer schwerer wird, die Geschichte Gudrun Ensslins als einer Einzelperson zu erzählen.“ Trotz dieser Bewertung setzt sie ihre Streifzüge durch Ensslins Leben fort.

Gleichauf befasst sich an mehreren Stellen mit dem Verhältnis zwischen Ensslin und Meinhof. Sie schlussfolgert, dass die religiöse Prägung bei Meinhof stärker ausgebildet sei als bei Ensslin: „Ulrike Meinhof wurde intensiver durch ihre christliche Sozialisation beeinflusst als Gudrun Ensslin.“ Der Erkenntniswert dieses Brockens Charakteranalyse ist gleich Null.

In der „Mai-Offensive“ von 1972 richtet die RAF ihre Anschlagsserie an den Zielen der studentisch geprägten APO aus: Vietnam-Krieg und Springer-Presse. „Das dunkelste, brutalste Kapitel der Geschichte der ersten RAF-Generation“, teilt Gleichauf mit. Am 31. Mai 1972 beginnt die größte Fahndungsaktion in der bundesdeutschen Geschichte – „Aktion Wasserschlag.“ Bis Anfang Juli werden faktisch alle aktiven RAF-Mitglieder aufgespürt. Ensslin bei der Anprobe in einer Hamburger Boutique am 7. Juni.

Die Autorin verkitscht die Festnahmesituation zu einer Liebesschnulze: „Fühlt sie sich wie damals nach dem Brandstifterprozess, als sie in Haft saß, weit weg vom Geliebten?“ Die Antwort fällt gewohnt unklar aus: „Denkbar ist es.“

In der Haft, Anfang 1973, bauen die Gefangenen aus der RAF mit einigen involvierten Anwälten ein „Infosystem“ für die interne Kommunikation auf. „Und so ist sie es auch, die die Linie des ‚Info‘ entscheidend prägt. In diesem Fall kann sie tatsächlich als Kopf der RAF bezeichnet werden, der die Mitglieder intern zusammenhält“, so Gleichauf. Statt „Baader-Meinhof-“ nun „Baader-Ensslin-Gruppe“?

Ensslins Ende

Der Prozess gegen die in der JVA Stuttgart-Stammheim konzentrierten Gefangenen aus der RAF beginnt Ende Mai 1975 und endet knapp zwei Jahre später mit einer lebenslänglichen Haftstrafe. Hungerstreiks drinnen und Proteste gegen die Isolationshaftbedingungen draußen kennzeichnen die Jahre hinter Gittern. „Die Klarheit, mit der Ensslin sich ausdrücken konnte, ist fast nicht mehr wahrnehmbar […] Gudrun Ensslin findet ihre Sprache nicht mehr“, konstatiert Gleichauf.

Im so genannten Deutschen Herbst vor 40 Jahren eskaliert die Auseinandersetzung „RAF vs. Staat“. Die Entführung der Lufhansamaschine „Landshut“, die Gefangenennahme des Industrie-Boss‘ Hans-Martin Schleyer, die Einrichtung des Kleinen Krisenstabs, das eilig zusammengezimmerte Kontaktsperregesetz, die Erstürmung der „Landshut“, die Liquidation von Schleyer – die Eckdaten sind bekannt. „Es ist mehr als unwahrscheinlich, dass eine Identifikation Baaders, Raspes und Ensslins mit den Taten der zweiten RAF-Generation besteht“, glaubt Gleichauf.

Endpunkt im Leben von Gudrun Ensslin, Andreas Baader und Jan Carl Raspe: Todesnacht von Stuttgart-Stammheim am 18. Oktober 1977.

Gleichaufs Scheitern

Gleichauf kreist in ihrer Ensslin-Biografie um das Gewaltphänomen und simplifiziert damit die Biografisierte. Die besondere Tragik: Die „Poesie“ Ensslins verschwand hinter der „Gewalt“. Schlimmer noch: „Gudrun Ensslin hat sich auf dem Weg in die Gewalt verloren.“

Gleichauf bilanziert, dass mit Gudrun Ensslin ein hoffnungsvolles literarisches Talent im Terror-Sumpf verendete. Sie spricht ihr damit nicht nur die autonome Entscheidung für den bewaffneten Kampf ab, sondern sie macht das „System RAF“ für ihren Tod verantwortlich. Die Biografin Gleichauf scheitert vor allem am Verständnis der politischen Biografie Ensslins.

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