Keine Zitterpartie, bitte! Der Abstieg aus der 2. Eishockeyliga ist für »Weißwasseraner« und andere Lausitzer Füchse keine Option

Sie sind der Serienmeister eines Landes, das seit 28 Jahren nicht mehr existiert. 25mal holten sie den DDR-Meistertitel – ein Rekord, der bleiben wird. Die Rede ist von den Eishockeyspielern der SG Dynamo Weißwasser aus der sächsischen Oberlausitz, dem Vorläufer der Lausitzer Füchse. Der Dauerrivale SG Dynamo Berlin holte 15 Titel.

Von 1952 bis 1990 war die DDR-Oberliga die höchste Spielklasse des Landes. Mit dem Leistungssportbeschluss von 1969 wurde der Spielbetrieb ab der Saison 1970/71 auf die zwei Dynamo-Teams beschränkt – die »kleinste Liga der Welt« entstand. Ergebnis dieses Endlosduells nach 20 Titelrennen: 12:8 für die Berliner Dynamos.

Vereinseishockey in der Glashüttenstadt Weißwasser gibt es seit Ende 1932. Die Betriebssportgemeinschaften (BSG) Ostglas und Chemie schlossen sich 1953 zur Sportgemeinschaft (SG) Dynamo Weißwasser zusammen. Nach der sogenannten Wende 1989 haben unzählige DDR-Vereine Klubnamen geändert, Embleme ausgetauscht – eine sportpolitische Geschichtsentsorgung. So auch in Weißwasser: Aus Dynamo wurde 1990 der Polizei-Eishockey-Verein (PEV) Weißwasser, ein Jahr später hieß der Klub Eissport (ES) Weißwasser. Nach weiteren drei Jahren ESG Sachsen »Die Füchse« Weißwasser/Chemnitz, eine Spielgemeinschaft, die nur zwei Spielzeiten hielt. Der Tiefpunkt dann 2002, Insolvenz und Neugründung der Profiabteilung als EHC Lausitzer Füchse GmbH.

Wieviel Dynamo Weißwasser steckt noch in den Lausitzer Füchsen? Pressesprecher Ronald Byron lacht kurz auf und sagt gegenüber jW: »Gute Frage. Die Lausitzer Füchse sind ein Markenname geworden, es gibt keine Überlegungen, zum alten Namen zurückzukehren.« »Weißwasseraner«, Spieler, die von Kindesbeinen an alle Eishockeystationen in Weißwasser durchlaufen haben, sind eine Ausnahme. Nur drei einheimische Spieler gebe es aktuell in Weißwasser oder bei Kooperationspartnern, räumte Dirk Rohrbach, Füchse-Geschäftsführer, auf der Pressekonferenz zum Saisonstart am Mittwoch voriger Woche ein – das sei »ein bisschen ärgerlich«. Aber letztlich gelte das Leistungsprinzip und nicht die regionale Herkunft. Profisport eben. Tradition, Identität und Nostalgie bleiben akustisch; immer dann, wenn aus dem Blau-gelben-Fanblock während des Spiels der Schlachtruf »Dynamo« über das Eis schallt.

Mit Anlaufschwierigkeiten ging es in die Saisonvorbereitung: Trainer Robert Hoffmann musste im Juli seine Sachen packen. Ein Eklat. Er hatte sich mit dem Kotrainer Chris Straube und mit Rohrbach überworfen. Kontroversen über die Trainerrolle und das Spielsystem führten zum Bruch. »Der Streit ist leider eskaliert«, so Byron. Der Extrainer zog vor das Arbeitsgericht, mit offenem Ausgang. Hat das Unruhe ins Team gebracht? Byron besänftigt: »Die Spieler haben die Trainerumstellung super überbrückt.« Mal schau’n. Die Trainerbank in Weißwasser ist ein Schleudersitz – seit Dezember 2016 wurde fünfmal der Überleitungsleiter ausgewechselt.

Corey Neilson, der Neue an der Bande, coachte zuletzt in Nottingham die Panthers. Er übernimmt ein Team, das nach der Hauptrunde der vergangenen Saison auf Platz elf von 14 Teams rangierte. Die Abstiegsgefahr war akut, in den Play-downs konnten sich die Ostsachsen in der Best-of-Seven-Serie gegen die Bayreuth Tigers knapp mit 4:3 durchsetzen. Eine Zitterpartie soll es in dieser Saison nicht wieder werden. Rohrbach schielt auf den sechsten Platz, das wäre die direkte Qualifikation für die Play-offs.

Und Trainer Neilson? Der will sich nicht an der Taktik des Gegners abarbeiten: »Wir konzentrieren uns auf unser eigenes Spiel«, so seine simple Devise auf der Pressekonferenz. Dem Fachblatt Eishockey News, Ausgabe 11. September, hatte er gesagt: »Unsere Kontrahenten sollten schnell erkennen, dass es ein hartes Unterfangen ist, gegen uns spielen zu müssen.« Die Füchse, die Unbequemen.

Der Klub zählt zu den Gründungsmitgliedern der DEL2, der seit 2013 bestehenden eigenständigen 2. Liga. Bislang war ein Wechsel zwischen den beiden deutschen Profiligen ausgeschlossen. In zwei Jahren soll der sportliche Auf- oder Abstieg zwischen DEL2 und der höchsten Spielklasse DEL möglich sein. Der Aufstieg ist aktuell aber kein Thema in Weißwasser – auch wenn Rohrbach in Eishockey News sehnsuchtsvoll anmerkt: »Vielleicht ergibt sich ja auch bei uns einmal die Chance, DEL-taugliche Rahmenbedingungen zu schaffen.« Aber das scheitert schon an der Stadionkapazität. 4.500 Plätze sind seitens der DEL gefordert, nur 3.200 haben im Fuchsbau Platz.

Die Klubanhänger sind eine Konstante. 750 Dauerkarten, damit ist die Bestmarke aus der vergangenen Saison »geknackt«. Nervenkitzel pur gab es beim Saisonauftakt am vergangenen Freitag abend gegen den EHC Freiburg: In der Overtime siegten die Hausherren mit 5:4 nach einem 0:3-Rückstand. Zwei Tage später, zweiter Spieltag, das alte Sachsenderby bei den Eispiraten Crimmitschau: 1:4-Auswärtssieg. Fünf Punkte und Rang fünf nach dem Spielwochenende. Zufrieden? Byron: »Ja, definitiv. Mit taktischen Finessen und Willenskraft haben wir die Auftaktspiele gemeistert.«

Quelle: https://www.jungewelt.de/artikel/340217.eishockey-keine-zitterpartie-bitte.html

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