Klang der Doppelketten. Die Sportart Disc Golf erobert öffentliche Parkanlagen – den Wiener Prater zum Beispiel

Die Hälfte des Parcours haben die Spieler absolviert, sieben Bahnen noch – und dann ist es doch passiert. Eine Windböe hat eine Scheibe tief im Dickicht landen lassen. Nach dem größten Einflussfaktor bei seinem Sport, dem Disc Golf, gefragt, muss Andreas Fadinger (46) von den »Vienna Hurricanes« nicht lange nachdenken: »Das ist der Wind.«

Seit 2015 tritt sein Team in der Wiener Prater-Liga an. Den Spielbetrieb – von März bis August jeden Donnerstag abend im Freizeitpark Prater im 2. Gemeindebezirk – organisieren die Akteure selbst. Die vier besten Spieltage jedes Teilnehmers werden im Endklassement gewertet.

Zurück zum Malheur. Viel Zeit ist nicht, das Spielgerät zu finden, das Reglement schreibt drei Minuten vor. »Das ist das Schöne in unserem Sport, der Solidargedanke«, sagt Fadinger. Alle Mitspieler, in diesem Einzelsport Konkurrenten, helfen beim Suchen. Die Signalfarben der Scheiben sind nützlich. Im Unterholz blitzt das knallige Neongelb auf: gefunden, weiter geht’s.

Das Prinzip ist simpel: Von einem Abwurfort aus, Tee genannt, versuchen die Spieler, mit möglichst wenigen Würfen ins Ziel, einen Korb mit Ketten, zu treffen. Die Bahnen fügen sich in die natürliche Umgebung ein: Bäume, Sträucher, hohes Gras sind Hindernisse.

Disc Golf (auf den Begriff »Frisbee Golf« wird verzichtet, weil »Frisbee« ein Hersteller ist) hat sprachlich viel mit Golf gemeinsam. Par heißt die Anzahl der Würfe, die im Schnitt vom Tee bis zum Korb benötigt wird. Bei einem Wurf unter Par spricht man vom Birdie, bei einem Wurf über Par vom Bogey. In den USA wird Disc Golf seit Mitte der 60er Jahre auf höchstem Niveau gespielt. Davon sei man in Österreich weit entfernt, sagt Matthias Polsterer (32), Hurricanes-Präsident: »Wir steigern uns kontinuierlich, haben aber noch einen weiten Weg vor uns, um dort hinzukommen, wo wir hinwollen.«

Es gibt ambitionierten Nachwuchs. »Bravo, Alex, Birdie!«, ruft Fadinger über das Feld in Richtung des 16jährigen Alex Horvath, und erklärt: »Unser Super-Junior.« Seit vier Jahren ist der Teenager dabei, seit zwei Jahren übt er viermal die Woche. Fußballspielen hat er dafür sein gelassen.

Zielsicher greift Horvath während des Wettkampfs in seinen Disc Golf-Backback mit 30 und mehr Scheiben. Er kennt deren Flugeigenschaften. Unzählige Male habe er Scheibe für Scheibe an den Abwurforten des Parcours durchprobiert, erzählt er auf dem Fußweg zwischen Bahn neun und zehn, »bei jeder Witterung«.

Es handle sich um einen »Präzisionssport, der mental herausfordert«, erklärt Fadinger. Man werde süchtig nach dem »Klang der Doppelketten, wenn die Scheibe im Korb landet«. Auch die emotionale Bindung zu den Spielgeräten sei hoch, ergänzt Horvath: »Wir können uns stunden-, ja tagelang über die Eigenschaften unserer Scheiben austauschen.«

Kleiner Grundkurs: Der flache Driver ist für lange Distanzen geeignet. Mit der Midrange nähert man sich dem Ziel an. Der stabile Putter mit verstärktem Rand ist aufgrund seiner geringen Drehgeschwindigkeit ideal, um in den Korb zu treffen. »Gegenwind treibt die Scheibe eher nach rechts, Rückenwind eher nach links«, erläutert Fadinger: »Natürlich nur, wenn ein rechtshändiger Spieler backhand spielt.«

Bahn 14, die letzte. Der Hurricanes-Tross ist durch. Horvaths Rundenergebnis? Zwei Würfe unter Par. »Gerade noch akzeptabel«, sagt er leicht angesäuert. Drei Würfe unter Par ist bei ihm der Normalfall. Beim Sa­chenpacken zeigt er eine Scheibe, die Simon Lizotte signiert hat, ein deutscher Disc Golf-Profi in den USA, der schon mehrfach einen Distanz-Weltrekord aufgestellt hat. »Diesen Driver benutze ich regelmäßig, geht stark nach links.« Am nächsten Donnerstag wieder im Prater.

Quelle: https://www.jungewelt.de/artikel/335357.klang-der-doppelketten.html

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