»Kollektivstrafen sind immer ein Angriff auf alle Fans.« Polizeigewalt bei Fußballspiel in Dortmund. Anzeige gegen Berliner Bundesligamanager erstattet. Ein Gespräch mit Fritz Müller

Am 27. Oktober spielte Hertha BSC bei Borussia Dortmund im Westfalenstadion – ein Fußballbundesligaspiel, das wegen polizeilicher Übergriffe im Gästeblock in die Schlagzeilen geriet. Was war vorgefallen?

Zum 15. Geburtstag der Ultragruppe »Hauptstadtmafia« zeigten ­Hertha-Fans eine Choreografie im Gäste­block. Die dazugehörigen Utensilien wurden im Vorfeld angemeldet und von BVB-Verantwortlichen genehmigt. Während der Aktion wurde pyrotechnisches Material gezündet. Kurz nach dem Zusammenlegen des großen Banners und den Fahnenstangen marschierten etwa 25 bis 30 Polizisten direkt vor dem Gästeblock auf, um die Gegenstände ohne Angabe von Gründen an sich zu nehmen. Die Herthaner protestierten dagegen und leisteten Widerstand. Dazu muss man wissen: Selbstgemalte Fahnen mit Gruppenlogo haben einen enorm hohen Stellenwert bei den Fans. Die Polizisten reagierten mit dem Einsatz von Pfefferspray und Schlagstöcken.

Wir sagen deutlich: Entgegen anderslautender Meldungen setzten Hertha-Fans weder Eisenstangen ein noch vermummte sich jemand unter dem besagten Banner. Alle Personen waren zu jeder Zeit voll sichtbar und konnten videografiert werden. Das brutale Vorgehen der Einsatzkräfte ist aus unserer Sicht nicht rechtsstaatlich und absolut unverhältnismäßig. Auf der Pressekonferenz erklärte der Einsatzleiter der Dortmunder Polizei, er habe nicht nur Verletzungen auf beiden Seiten in Kauf genommen, sondern auch gewusst, welche Reaktion durch das Einschreiten der Beamten provoziert werden würde.

Die Hertha-Geschäftsführung antwortete auf die Vorfälle in Dortmund mit einer Pressemitteilung am 2. November. Darin hieß es u. a., dass »das Einbringen von Bannern, Spruchbändern, Blockfahnen und Doppelhaltern« für das Heimspiel gegen RB Leipzig am 4. November untersagt sei – und zwar für Heim- wie für Gästefans »ab sofort und bis auf weiteres«. Wie reagierte die aktive Fanszene auf diese Sanktionen?

Die Geschäftsführung zeigte keinen Willen, die Vorfälle in Dortmund von allen Seiten zu beleuchten. Blind wurde den Aussagen der Polizei geglaubt. Kollektivstrafen sind immer ein unzulässiger Angriff auf alle Fans, deshalb entschied sich die aktive Fanszene, auf den Support im Stadion zu verzichten. Die Verbote betreffen auch pauschal Gästefans.

Am vergangenen Spieltag gab es von Fans verschiedener Vereine Solidaritätsbekundungen mit den Hertha-Ultras. Haben Sie den Eindruck, dass man sich bei Repressionsfällen stärker vernetzt hat?

Der Polizeieinsatz in Dortmund gegen uns Herthaner wurde als Angriff auf alle Fans gesehen – deutschlandweit. Die Unantastbarkeit von Fahnen ist ein ungeschriebenes Gesetz. Deshalb war die Solidarität eine logische Folge. Zudem arbeiten Fanhilfen und -anwälte teilweise bereits seit Jahren gut vernetzt zusammen, um die Rechte von Fußballfans einzufordern.

In Ihrer Pressemitteilung vom 7. November sprechen Sie von »herabwürdigenden Anfeindungen und falschen Anschuldigungen« seitens der Hertha-Klubführung. Deshalb haben Sie Hertha-Manager Michael Preetz »wegen Beleidigung und übler Nachrede« angezeigt. Was versprechen Sie sich von dieser Anzeige?

Herr Preetz hat durch seine verbalen Angriffe unsere Glaubwürdigkeit öffentlich angezweifelt – obwohl wir nur das aufgezählt haben, was wir im Dortmunder Gästeblock beobachten mussten. Das ist für uns als Fans verletzend und herabwürdigend. Mit unserer Anzeige wollen wir einen juristischen Sachverhalt aufgeklärt bekommen. Für uns ist der Bogen einfach überspannt. Man darf sich nicht sämtliche Äußerungen gefallen lassen – genug ist genug!

Wie kann es zwischen aktiver Fanszene und Verein bei Hertha BSC weitergehen?

Das wird die Zeit zeigen. Am vergangenen Donnerstag gab es zumindest seit langer Zeit wieder einen Dialogansatz, im Rahmen eines »runden Tischs« mit Fanvertretern, darunter auch den Ultras. Was daraus wird, steht in den Sternen. Für uns als »Fanhilfe Hertha BSC« steht erst einmal die weitere Aufarbeitung des brutalen Polizeieinsatzes in Dortmund an. Da ist das letzte Wort von unserer Seite noch nicht gesprochen.

Quelle: https://www.jungewelt.de/artikel/343447.repression-gegen-fu%C3%9Fballfans-kollektivstrafen-sind-immer-ein-angriff-auf-alle-fans.html?fbclid=IwAR3hi7hdBQGfs_lkZ1n2N6pfc2w46siOJtWQ5o1eqJoHYpvSqhA6k3zQ2Qo

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