Letzte Ausfahrt Marseille. Die deutsche Rugby-Nationalmannschaft hat erstmals die reelle Chance, bei der WM dabei zu sein

Wenn es klappt, wäre es das erste Mal: das deutsche Nationalteam im traditionellen 15er-Rugby bei einer Weltmeisterschaft. Die findet im Herbst 2019 in Japan statt, es ist die neunte Rugby-Union-WM, erstmals in Asien. Ein Platz ist noch zu vergeben. Der wird ab dem Wochenende im südfranzösischen Marseille ausgespielt. Hongkong (11.11.), Kanada (17.11.) und Kenia (23.11.) sind die Gegner der Deutschen beim sogenannten Repechage-Turnier, einer Art Trostrunde. »Für uns sind das drei Finalspiele«, betont Kobus Potgieter, Sportdirektor des 15er-Teams, gegenüber jW. Diese Chance auf ein WM-Ticket hätte es eigentlich gar nicht gegeben.

Zur Chronologie: Nach der Rugby Europe Championship (REC) rangierte das deutsche Team auf dem letzten Platz. Das war im Frühjahr des Jahres. Zuvor, im November 2017, hatten vor dem Weltranglistenspiel gegen Chile Spieler und Trainer gestreikt. Ein Novum. Die Streikenden standen beim Mäzen und Sponsor des deutschen Rugbys, Hans-Peter Wild (»Capri-Sun«), unter Vertrag.

Der demonstrierte gegenüber dem Deutschen Rugbyverband (DRV) seine Macht, drehte den Geldhahn zu und zog seine Spieler zurück. Ein Mix aus verletzter Eitelkeit und unterschiedlichen Vermarktungskonzepten führte zum Bruch. Zwischenresultat: Die »Notauswahl« kassierte Klatschen und hätte im Abstiegsspiel gegen Portugal, den Sieger der zweitklassigen Rugby Europe Trophy, antreten müssen. Es kam aber anders: Die in der REC besser plazierten Spanier, Belgier und Rumänen wurden nachträglich von der World Rugby (WR), dem Weltverband, disqualifiziert. Grund: Die genannten Nationen hatten Spieler ohne reguläre Spielberechtigung eingesetzt.

Der Triumph am grünen Tisch katapultierte die deutschen Rugger nachträglich auf Rang zwei. Folge: Das Spiel gegen Portugal war kein Abstiegsspiel mehr. Mit 16:13 besiegte das deutsche Aufgebot die Portugiesen und löste damit die Fahrkarten für zwei WM-Play-off-Spiele gegen den Pazifikinselstaat Samoa. Ein Erfolg hätte die direkte Qualifizierung für Japan bedeutet. Die Deutschen verloren glatt: 66:15 im Hinspiel, 42:28 im Rückspiel in Heidelberg.

Die letzte Chance liegt jetzt im »Hoffnungslauf« in Marseille, hier wird der 20. und letzte WM-Starter ermittelt. Wer soll diesen Modus verstehen? Das sei wirklich kompliziert, auch für Kenner »undurchsichtig«, gesteht Mark Temme, Expräsident des Berliner Rugbyclubs (BRC), im Gespräch mit jW.

Dass es diese nochmalige Chance auf die WM geben sollte, überraschte selbst den DRV – und überfordert ihn bisweilen. Der Verband werde aber professioneller, sowohl personell, als auch strukturell, sagt DRV-Generalsekretär Volker Himmer gegenüber jW. Ein Manko bleibt: Der Verband ist chronisch klamm. Deshalb sprang einer ein, der sich öffentlich vom »tiefsten Amateurtum« des DRV zurückgezogen hatte: Milliardär Wild. Der hat seine Portokasse geöffnet, wieder einmal. Ohne seine Finanzspritzen wären die WM-Vorbereitung und Zusammenstellung des Kaders nicht möglich gewesen.

Reicht die Qualität des deutschen Kaders? Eine Leerstelle fällt auf: Kein Spieler aus der Nord/Ost-Staffel der zweigleisigen Bundesliga wurde nominiert, auch nicht vom aktuellen Spitzenreiter Hannover 78. DRV-Sportdirektor Manuel Wilhelm relativiert auf jW-Nachfrage: »Ein, zwei Spieler hätten es wohl geschafft.« Phil Szczesny zum Beispiel. Der Fullback der 78er ist Sportsoldat, der wird aber gerade befördert und muss Dienst schieben. Potgieter rechtfertigt den Kader und erklärt: »80 Prozent der Spieler kennen sich, trainieren und spielen teilweise schon seit Jahren zusammen, sind erfahren.« Erfahrung auf dem Platz, eine Qualität, die man nicht kaufen könne.

Die Rugbywelt wartet auf Deutschland als WM-Teilnehmer. Der Weltverband hat ein vitales Interesse am deutschen Team, will es breit promoten. »Deutschland ist ein wichtiger Sportmarkt«, sagt Himmer. Das Image hat der DRV schon mal aufpoliert: »Schwarze Adler« heißen die Jungs im Nationaldress des 15er-Teams jetzt. Ein neues Logo gibt es auch.

Alle wissen es, nur handeln nicht alle Vereine danach: Die Zukunft der deutschen Auswahl hängt von der Jugendförderung ab. »Nur durch konsequente Nachwuchsarbeit erreichen wir ein höheres Niveau unserer Nationalmannschaft«, betont Ingo Goessgen, Präsident vom Rugbyklub 03 Berlin und Vizevorsitzender des Bundesligaausschusses. Der RK 03 habe kürzlich die »Rugby-Jugend-Akademie Berlin« gegründet – mit Ausbildungskonzept für alle Altersklassen und hochqualifizierten Trainern.

Gegen Hongkong müssen erst einmal die Renommierten ran. Wilhelm warnt vor dem Gegner: »Die Mannschaft hat sich im Stillen minutiös vorbereitet, die Spieler haben alle einen Profistatus.« Für Temme ist Kanada der Favorit. Die müssen zur WM, »bei denen steht viel Geld auf dem Spiel.«

Und was ist, wenn das Projekt WM 2019 in Japan ein unerfüllter Traum bleiben sollte? Potgieter ist ehrlich: »Keiner hat aktuell eine Idee, wie es dann weitergeht.« Denn: Diverse Verträge, darunter sein eigener, laufen nur bis Ende November. Ganz Profi sagt er: »Unser absoluter Fokus liegt auf der Finalrunde in Marseille – nur das zählt jetzt, alles andere überlegen wir später.«

Quelle: https://www.jungewelt.de/artikel/343262.rugby-letzte-ausfahrt-marseille.html

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.