Mit Bodenhaftung. Quidditch, der Sport aus den »Harry Potter«-Romanen, findet immer mehr Nachahmer

Auf der Jesuitenwiese in Wien exerzierten einst Soldaten. Jetzt ziehen dort an einem Samstag morgen Menschen in Sportklamotten großformatige Rollkoffer und Ballnetze über das holprige Geläuf hinter sich her. Es sind die Mitglieder der Vienna Vanguards, des ersten Quidditch-Vereins in Österreich. Ein Phantasiesport wird real. Ursprünglich wurde Quidditch nur im »Harry Potter«-Universum gespielt – von Zauberern, die bei Wind und Wetter in schwindelnder Höhe auf ihren Besen reiten.

Das geht aber auch ganz überirdisch. »Quidditch ist ein Mix aus Handball, Rugby und Völkerball, ein Vollkontaktsport, den gemischtgeschlechtliche Teams mittlerweile seit zwölf Jahren spielen«, erklärt Andrea Wöger, Teammanagerin der Vanguards, die zum samstäglichen Schautraining eingeladen hat. Der Legende nach haben 2005 zwei Studenten an einer Privatuniversität im kleinen US-Bundesstaat Vermont, der Heimat von Bernie Sanders, damit angefangen.

Wie kam Quidditch nach Wien? »Nach einem Studienaufenthalt eines Mitstreiters in Australien«, erzählt Wöger. Und dann ging’s rasch: Gründung im Oktober 2014, erste Wettkämpfe kurz danach. Als Reisekader stellen die Vanguards den Sport landesweit vor. Graz war die erste Station. Mit Erfolg: Teilnehmer des Lehrgangs gründeten die Quidditch Graz Grimms. Nun soll Linz folgen. Wöger ist optimistisch, dass sich in ganz Österreich Quidditch-Teams bilden werden. Dann könne ein ordentlicher Ligabetrieb starten. »Im Herbst des Jahres werden wir aber schon mit einem vorläufigen Ligabetrieb dreier Teams beginnen«, versichert Richard Turkowitsch, Pressesprecher von Quidditch Austria, gegenüber jW.

Das Spielprinzip in Kurzform: Vier Spielertypen pro Team und ein neutraler Akteur tummeln sich mit drei Ballarten auf dem Feld. Die drei Jäger (Chaser) mit weißen Stirnbändern punkten mit einem Volleyball, wenn sie durch einen der drei Torringe werfen. Zehn Punkte gibt’s dafür. Zwei Treiber (Beater) versuchen, die gegnerischen Jäger mit Dodgebällen abzuwerfen. Der Hüter (Keeper) soll die Würfe der Jäger vor den Torringen abfangen. Die Sucher (Seeker) wollen dem in Gelb gekleideten »Snitch-Runner« den in einer Socke verstauten Tennisball (Snitch) aus dem Hosenbund ziehen. Gelingt das, bringt das 30 Punkte, und das Spiel ist aus. Gewonnen hat das Team mit den meisten Punkten. Und die Besen aus »Harry Potter«? Skurril: Alle Spieler halten ein etwa ein Meter langes PVC-Rohr als Besenersatz zwischen den Schenkeln – ein Tribut an die Vorlage. »Wenn man zwei-, dreimal zugeschaut hat, hat man die Grundzüge des Spiels begriffen«, beruhigt Wöger.

Einen Satz PVC-Rohre hat sie zum Schautraining angeschleppt und auch die Torringe mit festem Fuß. Alles Marke Eigenbau – aber nach internationalen Quidditch-Normen. Zuerst muss das Spielfeld aufgebaut werden. Ein Rechteck, 22 mal 33 Meter. Einen eigenen Sportplatz mit Kabinen und Duschen haben die Vanguards nicht.

Nach einer halbstündigen Aufwärmrunde wird separat trainiert: je ein Coach für die Beater, Chaser und Seeker. »Quidditch ist taktisch komplex«, sagt Wöger. In einer zweiten Runde werden Ballstafetten im Positionsspiel verfeinert. Ziemlich genau 30 Minuten lang. Dann folgt eine einstündige Taktikschulung, um anschließend zum Praxistest, zum Spiel, überzugehen. Noch mal eine Stunde. Auf dem Spielfeld geht es rustikal zu: »Es macht auch Spaß, einen zwei Köpfe größeren Mann mit doppeltem Körpergewicht zu tackeln und zu Boden zu bringen«, erzählt Wöger. Gut sei es, wenn man sich mit der Hebelwirkung auskenne.

Die Anhänger dieses Sports kämpfen gegen Ressentiments. Karina von den Vanguards ist überrascht, dass die jW zuguckt. »Endlich interessiert sich mal eine Sportredaktion für uns, sonst landen wir in der Rubrik Lifestyle.« Da möchte sie gern raus, was gar nicht so einfach ist. Quidditch gelte oft als Sportart der »Bobos«, wie in Wien die Hipster heißen, betrieben von »Nerds mit Zauberstab«.

Das Regelwerk umfasst 200 engbedruckte Seiten. Da Quidditch ein junger Sport sei, würden die Regeln häufig aktualisiert, sagt Pressesprecher Turkowitsch. Danach dürfen zum Beispiel nur vier Feldakteure dem gleichen Geschlecht angehören. Hiermit ist nicht das Geschlecht gemeint, mit dem man geboren ist, sondern das, mit dem man sich identifiziert. Geschlechterdemokratie und Inklusion sind zwei wichtige Stichworte im Quidditch. Ist es deshalb auch ein »politischer Sport«? Wöger kann damit nicht soviel anfangen: »Für mich steht der sportliche Aspekt im Vordergrund.«

Nach der dreistündigen Trainingseinheit auf dem improvisierten Spielfeld auf der Jesuitenwiese hat Wöger noch Kraft für Visionen. Ende April treten die 32 besten europäischen Teams in Pfaffenhofen in Oberbayern zum European Quidditch Cup (EQC) an. »Das ist so eine Art Champions League wie im Fußball«, erklärt Wöger. Die Vanguards sind dabei. Ihr Ziel: »Wir wollen unter die Top 16.« Dafür müssen in der Vorrunde aber erst einmal die Kontrahenten aus Oslo, Göteborg und München getackelt werden. »Machbar«, meint Wöger.

Quelle: https://www.jungewelt.de/artikel/329728.mit-bodenhaftung.html

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