Netzers Schuld. Alex Raack erzählt, wie ein Ost-Borusse den ersten Bundesliga-Fanklub der DDR gründete

Irgendwie kann man den Beginn der bizarren Liaison verstehen. 1973, am 23. Juni, in der 93 Spielminute wird Borussia VfL Mönchengladbach DFB-Pokalsieger im Düsseldorfer Rheinstadion gegen den Erzrivalen aus der Domstadt, den 1. FC Köln. Der von Meistermacher Hennes Weisweiler aus disziplinarischen Gründen auf die Ersatzbank verbannte Günter Netzer wechselt sich in der Nachspielzeit eigenmächtig ein – und hämmert den Ball ins Kölner Netz zum Cup-Sieg.

Wolfgang »Wolle« Großmann, Jahrgang 1957, befällt der Gladbach-Virus. Seine erste Fußball-Liebe SG Dynamo Dresden rangiert fortan nur noch auf Platz zwei. Der Hang zur Borussia liegt in der Familie. Wolle ist gebürtiger Gladbacher, seine Eltern siedeln aber vor dem Mauerbau nach Weistropp in die sächsische Provinz um. »Wolles Urkatastrophe«, schreibt Alex Raack, Exredakteur des Fußballmagazins 11 Freunde, in seiner Großmann-Biographie »Wolle – ein Fan zwischen Ost und West«.

Auf seine enge Westverwandtschaft kann Wolle zählen. Alle möglichen VfL-Devotionalien passieren die löchrige Staatsgrenze der DDR, um den Jung-Borussen einzukleiden. Er liebt es, mit seinen Accessoires vom Bökelberg-Fanstand am Wellenbrecher im Dresdner Rudolf-Harbig-Stadion zu stehen und in seiner Spelunke den Thekenhelden zu geben.

Wolle zieht als Ungelernter in die Arbeitswelt der DDR. Berufliche Prüfungen fallen Anstoßzeiten und Schlusspfiffen in der DDR-Oberliga zum Opfer. Einer mit Prioritäten statt Prinzipien. Er schafft sich seinen Kreislauf: Tagsüber malocht er widerwillig, abends denkt er sehnsüchtig an den Bökelberg, freitags bereitet er sich auf das Dynamo-Spiel vor, um am Spieltag im Suff keiner Massenkeilerei aus dem Weg zu gehen. Hasstiraden auf die DDR immer inklusive.

Mit seinen Kumpanen gründet er im Dezember 1981 den ersten Fanklub für den Westfußball, den »Bundesliga Fan-Club Dresdner Löwen 81«. Eine Sauftruppe, die minutiös Statistiken über Spiele und Spieler der BRD-Bundesliga führt. Später, nach der Auflösung des Fanklubs durch das Ministerium für Staatssicherheit (MfS), scharrt er wieder Gleichgesinnte um sich. Diesmal sind alle VfL-Fans: »Die Mönche Dresden – Weimar«.

Einen Ausreiseantrag hat Wolle längst gestellt, als das MfS auf ihn aufmerksam wird. Und er fällt auf. Mit einem Kumpel posiert er mit einer aus einer Theaterrequisite geklauten Hakenkreuzfahne in Prag. Der »Operative Vorgang« gegen die Westfans im Osten wird letztlich zu den Akten gelegt: Keine »Verfolgung gesetzwidriger Ziele«, keine »ungesetzliche Kontaktaufnahme«, so das Ermittlungsfazit.

Wolle feiert seine halb-klandestinen Fußballabenteuer. In Wroclaw beim UEFA-Cup-Spiel der Gladbacher gegen Slask Wroclaw am Nikolaustag 1978 gelingt es ihm, die Bekanntschaft des damaligen Borussia-Trainers Udo Lattek zu machen. Erst am Pinkelbecken, dann an der Bar des Teamhotels. In der ersten Runde des UEFA-Cups der Saison 1981/82 trifft das Los Wolle direkt ins Herz: der 1. FC Magdeburg hat im September 1981 zuerst Heimrecht gegen seine Borussia. Auch hier überrascht er seine Idole. Über das Hotelfoyer und die Wendeltreppe gelangt er in das im dritten Stock gelegene Schlafgemach von Lothar Matthäus und Armin Veh, die gerade bei einer Partie Backgammon sitzen.

Viele Hektoliter Bier und Korn später wird er im Februar 1985 mit seiner Familie in den Westen geschickt. Er lässt sich in Gladbach nieder und wird als Ost-Borusse über die Grenzen des Bökelbergs hinaus bekannt. Nach der »Wende« bekommt die Glitzerwelt im realexistierenden Kapitalismus selbst für Wolle Kratzer. Job- und Wohnungswechsel, kaputte Beziehungen zu Frauen und Kindern fordern ihren Tribut: Der Aufenthalt in der Psychiatrie folgt dem Herzinfarkt.

Wolle ist ein egomanischer Haudrauf mit dicken Tränendrüsen. Ein Fußballproll mit Geschichte: »Wolle ist irgendwie auch ein Fan aus einer anderen Zeit, solche Figuren wie ihn bringt das moderne Eventpublikum nicht mehr hervor«, resümiert Raack.

Alex Raack: Wolle. Ein Fan zwischen Ost und West. Tropen, Stuttgart 2018, 249 Seiten, 16,95 Euro

Quelle: https://www.jungewelt.de/artikel/329594.netzers-schuld.html

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