Nullnummern. Schuldenlast und Erfolgsdruck – auf dem HSV lastet die Geschichte. Auch in Liga 2 tut sich der Dino schwer

Die vom Ex-HSV-Coach Huub Stevens geprägte Redewendung ist bekannt: »Die Null muss stehen!« Drei Spieltage innerhalb von acht Tagen, eine englische Woche, und die Null stand tatsächlich beim HSV. Problem: Sie stand vorne. Einziger Vorteil: Der HSV kassierte alle fünf Gegentreffer in der Heimpartie gegen Jahn Regensburg am sechsten Spieltag; die siebte und achte Runde ging bei Greuther Fürth am Donnerstag voriger Woche und im Derby gegen den FC St.Pauli am vergangenen Sonntag torlos aus. Man muss sich beim HSV noch daran gewöhnen. Es waren Zweitligaspiele.

Schon der VfL Bochum, die »graue Maus« der Bundesliga, ist es nicht gewesen: unabsteigbar. Der HSV, der Klub mit der Raute auf der Brust, ist es nach der Saison 2017/18 eben auch nicht mehr. 54 Jahre und 261 Tage, so lange war der HSV als Gründungsmitglied der Bundesliga erstklassig.

Der erste Leistungscheck eine Etage tiefer stimmt nachdenklich: Acht Saisonspiele, und der HSV hat vier nicht gewinnen können (zwei Niederlagen, zwei Remis). Aktuell ist der Verein hinter den Fürthern einen Punkt vom Relegationsplatz entfernt, Rang vier. Ein sofortiger Wiederaufstieg ist bei noch 26 ausstehenden Ligapartien möglich, keine Frage, aber ein Durchmarsch sieht anders aus.

Dafür ein nostalgisches Intermezzo. Ein bisschen HSV steckt vielleicht in jedem Fußballanhänger. Felix Magath ist einer der Urheber dieses Gefühls, wer sonst. 1983, 25. Mai, Finale im Pokal der Landesmeister, Athener Olympiastadion, 8. Minute. Nicht irgendwer, Juventus Turin ist der Gegner. Der Zehner Magath nimmt ein Zuspiel in der gegnerischen Hälfte auf, dribbelt kurz und schießt von der linken Strafraumecke in den rechten Winkel des Juve-Tores – eher ein Schlenzer als ein Vollspannschuss. 1:0 und dabei blieb’s bis zum Schlusspfiff. Ein Cup-Sieg für die Ewigkeit.

Der Abstieg des HSV hat auch für die Fans mit der Raute im Herzen etwas Gutes, es gibt wieder Derbys gegen den FC St. Pauli. Siebeneinhalb Jahre mussten sie warten. Am 16.2.2011 hatte Gerald Asamoah im Pauli-Dress zum 1:0-Endstand eingeköpft. Auf den Stadtschlager stimmten sich auch dieses Jahr alle ein, der Boulevard, die Fancliquen. Letztere beharkten sich bereits im Vorfeld des Derbysonntags. Pauli-Ultras, mutmaßlich, hatten HSV-Ultras überfallen, die in einer Halle ihre Choreographie für den anstehenden Lokaltermin vorbereiten wollten. HSVer, mutmaßlich, revanchierten sich: Strohpuppen im Pauli-Kostüm baumelten von Brücken in der Innenstadt. Eine Performance, die die örtliche Polizei als gefährlichen Eingriff in den Straßenverkehr wertete.

Aufopferungsvoll, leidensfähig, beinahe autoaggressiv, so sind die HSV-Fans. »Alles für den Derbysieg« stand auf einem großen Banner – dahinter Hunderte Anhänger beim öffentlichen Training vor dem Volksparkstadion. Fans direkt an der Balustrade des Trainingsplatzes sind auch immer ein bisschen Drohkulisse. Richtig beeindruckt scheint das die Spieler aber nicht zu haben, anders ist der Ausgang des Kicks (0:0) nicht zu erklären.

Die Paulianer sind nach der müden Nullnummer weiterhin informeller Titelträger: »Stadtmeister« können sich die Spieler von Trainer Markus Kauczinski nennen. Lewis Holby, offensiver HSV-Mittelfeldakteur, redete sich nach Spielende in Rage: »Jetzt ist alles wieder Scheiße, das macht mich aggressiv.« Sein Trainer, Mentor und Freund Christian Titz wird seitens des Sportvorstands Ralf Becker angezählt – und wie in Hamburg üblich: öffentlich. »Unter dem Strich ist das zu wenig. Wir müssen unsere PS auf den Platz bekommen«, forderte Becker. Kritik am Übungsleiter wehrt Schützling Holby barsch ab: »Da kriege ich das Kotzen«, sagte der 28jährige der Hamburger Morgenpost am Montag.

Schuldenlast und Erfolgsdruck – das ist für den HSV eine gefährliche Melange. »Der direkte Wiederaufstieg ist für den hoch verschuldeten Klub alternativlos«, schrieb die Süddeutsche Zeitung zum Wochenauftakt. Ein Jahr zweite Liga bringe dem HSV 20 Millionen Euro Verlust, rechnete die SZ vor.

Die finanzielle Schieflage hat auch viel mit der grauen Eminenz hinter den Kulissen zu tun: Klaus-Michael Kühne (81), Logistik-Milliardär und Anteilseigner an der HSV AG. Kühne ist eine widersprüchliche Persönlichkeit, jovialer Mäzen und rendite-orientierter Investor – und Machtmensch. Ende Juni ließ er über Sport-Bild verlauten: »Ich werde den Verein nicht weiter fördern, weil mein Wunsch, meine Anteile langfristig aufstocken zu können, nicht respektiert wird.« Nun will der wankelmütige Kühne seine Anteile »loswerden«, sagte er unlängst der Welt am Sonntag.

Kommt der HSV jemals zur Ruhe? Die Erfahrung lehrt: nein. Querelen und Intrigen sind das Dauerprogramm. Das Autorenduo Tobias Escher und Daniel Jovanov bilanziert im jüngst erschienenen Buch »Der Abstieg. Wie Funktionäre einen Verein ruinieren« (Rowohlt-Taschenbuch) seit der ominösen Papierkugel-Saison mit den vier Duellen gegen Werder Bremen 2008/09 Schreckliches: 15 Trainer, sechs Sportchefs, fünf Vorstandsvorsitzende kamen und gingen. Und der aktuelle Trainer Titz hat jetzt wohl nur noch eine Schonfrist. Die dürfte nach einer vierten Nullnummer in Serie, auf jeden Fall bei einer Niederlage gegen die Lilien in Darmstadt am heutigen Abend abgelaufen sein. Er wäre dann Trainer Nummer 16.

Quelle: https://www.jungewelt.de/artikel/341096.fu%C3%9Fball-nullnummern.html

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