Ohne Nummerngirl. Beim Amateurboxen besteht die Bundesliga aus nur drei Teams – Klubs und Verband streiten über Auswege aus der Misere

Boxring Hertha BSC gegen Boxclub Traktor Schwerin, siebzehnfacher DDR-Mannschaftsmeister, am vergangenen Samstag im westlichsten Teil Westberlins, in Spandau. Zwischen Vertragshändlern von Automarken und Klitschen für Zubehör liegt die Bruno-Gehrke-Halle, die Wettkampfstätte. Gehrke? Hans-Peter Miesner (74), Präsident des Berliner Box-Landesverbands, klärt auf: »Bruno Gehrke war nach dem Krieg Spandaus Sportamtsleiter.« Nach ihm wurde das Anfang der 50er Jahre zur Sporthalle umfunktionierte frühere Heereszeugamt der deutschen Wehrmacht benannt.

Das olympische Amateurboxen ist selbst auf Erstliganiveau Randsport. In acht Gewichtsklassen, vom Leicht- (bis 60 Kilo) bis zum Superschwergewicht (über 91 Kilo) stehen sich die Akteure in drei Runden à drei Minuten im Vollkontakt gegenüber. Kopfschutz und weiße Trefferfläche auf den Handschuhen gibt es schon seit Jahren nicht mehr.

Etwa 300 Zuschauer sind zum vierten Kampftag gekommen. Dazu 50 Schlachtenbummler aus Schwerin, fast alle mit Klubschals in Gelb-Blau. »Ha, ho, he Hertha BSC« schallt es von den hinteren Stuhlreihen über den Ring, die Schweriner trommeln dagegen an, skandieren die Namen ihrer Schützlinge.

Amateure und Profis im Boxen, »das sind zwei Disziplinen einer Sportart«, sagt Miesner. Die Unterschiede? »Beim Amateurboxen geht’s um Leistung, beim Profiboxen ums Geschäft.« Das könne man nicht zusammenbringen. »Amateurboxen, das ist Sport auf ganz hohem Niveau«, meint Peer Mock-Stümer, Abteilungsleiter der Hertha-Boxer. Davon könnten sich viele Profiboxer eine Scheibe abschneiden.

Dennoch: Die Misere des deutschen Amateurboxens könnte kaum größer sein. In der aktuellen Saison gibt es nur drei Starter in dieser Miniaturausgabe der Bundesliga: neben Hertha und Traktor den Titelverteidiger BSK Hannover-Seelze. In der vergangenen Spielzeit waren es noch neun, aufgeteilt in eine Nord- und Süd-Staffel. Dafür treten vier Boxklubs in einer neuen zweiten Liga an. Traktor-Trainer Sebastian Zbik, 2011 WBC-Weltmeister im Mittelgewicht: »Der Sport stagniert, weniger Boxer, weniger Talente, mangelnde Vermarktung.«

Detlev Jentsch, Bundesligaobmann im Deutschen Boxverband (DBV), räumt ein: »Die Situation ist völlig unbefriedigend.« Er sagt weiter: »Es gibt einfach zwei Probleme: die finanzielle Basis und die Sportlerdecke.« Beides sei dünn. Der DBV könne nur die Rahmenbedingungen setzen, und mehr als vier Boxteams in der Bundesliga, maximal fünf, gebe die Leistungsdichte der deutschen Athleten einfach nicht her.

In der aktuellen Ausgabe der Fachzeitschrift Boxsport (Nr. 1/2, Jan./Feb. 2019) kritisiert Mock-Stümer die Verbandspolitik: »Der DBV hat in der Vergangenheit der Liga nicht den Stellenwert eingeräumt, den sie verdient.« Und so wie der Ligabetrieb organisiert sei, sei das Amateurboxen »ein großes Geldverbrennen.« Die Bundesliga müsse man sich leisten können.

Jentsch erwidert: »Boxen ist in erster Linie ein Einzelsport; die Bundesliga als Mannschaftsboxsport ist im internationalen Vergleich eine Ausnahme.« Fördermittel erhalte der DBV vor allem, um Medaillen bei internationalen Turnieren zu erringen. Jentsch hat eine Idee: Teams aus Polen, Tschechien und Kroatien hätten an einer supranationalen Bundesliga Interesse. »Das ist eine positive Sache.« Größter Gegner dieser Idee seien laut Jentsch aber die Herthaner.

Nach vier Kämpfen ist Pause. 20 Minuten. Schwerin führt 5:4. Hertha-Trainer Mike »Hammer« Hanke setzt sich kurz in die Promi-Zone. Boxpromoter Winfried »Winne« Spiering ist da, das »Nummerngirl«, ein Playmate, hat den Termin hingegen vergessen. »Wie steht’s?«, fragt ein Gast. Hanke lakonisch: »Jesundheit und Jeld fehln, aba sonst is allet jut.« Die Bandscheiben quälen den Coach, über seinen Kontostand sagt er nichts.

Miesner macht viel in Personalunion, eloquent führt er als Hallensprecher durch den Abend, ruft die Boxer in das Seilquadrat, stellt sie während der Rundenpausen vor. Nach jedem Kampf sammelt ein junger Helfer die Zettel der fünf Punktrichter ein und überreicht sie den Offiziellen. Miesner blickt manchmal ungläubig auf die Punktezettel, schüttelt kurz mit dem Kopf – und verkündet ungerührt das Urteil.

Das letzte Faustgefecht entscheidet über Sieg, Niederlage oder Remis. Eine Neuauflage des Kampfes um die deutsche Meisterschaft im Superschwergewicht, die vom 8. bis 10. Dezember im thüringischen Mühlhausen stattfand. Alexander Müller vom Berge und Nelvie Tiafack clinchen gegeneinander. Ein ungleicher Kampf, der Herthaner vom Berge kassiert Runde um Runde Treffer. Klares Urteil: 5:0 Richterstimmen für Tiafack und damit ein 10:9 Auswärtssieg für die Traktoristen.

Wie sieht die Zukunft aus? Miesner bleibt optimistisch: »Ein Boxteam aus Baden-Württemberg könnte nächste Saison für die Eliteliga melden.«

Quelle: https://www.jungewelt.de/artikel/345830.boxen-ohne-nummerngirl.html

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