Spirale der Eskalation. Verschärfte Sanktionen gegen Fans und Klubs in Österreich – Kritiker sprechen von Populismus

Sprachlich erinnerte Fußball schon immer an einen Kriegsschauplatz. Am Dienstag voriger Woche verabschiedete die Klubkonferenz der zwölf österreichischen Erstligisten mehrheitlich einen erweiterten Maßnahmenkatalog gegen »sicherheitsrelevante Vorfälle« in Stadien der Alpenrepublik, ein sogenanntes Neues Sanktionskonzept. Nur Rapid Wien stimmte dagegen, Sturm Graz und Aufsteiger TSV Hartberg enthielten sich. Die Vorlage soll nun an das Präsidium des Österreichischen Fußballbundes (ÖFB) gehen, der entscheidet über die Umsetzung.

Bloß, was sind das für »Vorfälle«? Das sei im Vorfeld nicht exakt bestimmbar, heißt es auf jW-Nachfrage von der Medienstelle der Liga. Das Abbrennen von Pyrotechnik sei nicht gemeint, eher Ausschreitungen von Fans, die zu einem Spielabbruch führen würden.

Und das Stufenmodell der Eskalation, wie sieht das aus? Geldstrafen seien weiterhin die Kernsanktion, kombiniert mit einer »konsequenten Täterausforschung«, und in »schwerwiegenden Fällen« drohe ein Punkteabzug für die folgende Saison. Entgegen anderslautenden Zeitungsberichten sei ein »Zuschauerausschluss kein zielgerichtetes Sanktionsinstrument« – also keine Sektorsperre, kein »Geisterspiel«. Vorerst.

Das Thema ist heikel, die Beschlussvorlage kontrovers. Die Wiener Großklubs Rapid und Austria sprechen nicht mit einer Stimme. »Ich bedauere, dass gegen die Mehrheit der Expertenmeinung in der Arbeitsgruppe votiert wurde. Während in Deutschland Kollektivstrafen ausgesetzt werden, wirkt dieser Beschluss populistisch«, erklärte Rapids Geschäftsführer Wirtschaft, Christoph Peschek, in einer Pressemitteilung. Für Austria-Vorstand Markus Kraetschmer bestand hingegen »Handlungsbedarf«, einschließlich des Punkteabzugs »als letztes Mittel«, ließ er verlautbaren. Und weswegen dann die Stimmenthaltung? »Wir suchen noch nach anderen Lösungen«, so Hartbergs Sportdirektor Erich Korherr lapidar gegenüber jW.

Für Helmut Mitter, Vorstandsmitglied der Fanvereinigung »Rechtshilfe Rapid« (RHR), ist klar: Die Maßnahmen zielten auf die Klubs mit den meisten und aktivsten Fans. »Und das sind Rapid und Sturm Graz«, sagte er im jW-Gespräch. Mitter hält Fangewalt in den Arenen für ein Thema, das eigentlich gar keines sei. Denn: »Österreichs Stadien sind so sicher wie nie zuvor.«

Dass Vereine zu Ermittlern gegenüber den eigenen Fans werden, stößt Mitter besonders auf. Eine Identifizierung der Täter wird belohnt, die Geldstrafen sinken auf 25 Prozent, wenn mehr als die Hälfte der mutmaßlichen Delinquenten erfasst worden sind.

Der Verein als Hilfssheriff? Nein, nicht in dem Sinne, entgegnete der Ligavertreter. Ermittlungen seien Aufgabe der Polizei. Dennoch liege es im Interesse der Klubs, gewalttätige Anhänger aus dem Stadion zu verbannen. Die Klubkonferenz wolle einen monetären Anreiz schaffen, Straftäter zu erfassen. Klubs sollten hierfür stärker die Videoüberwachung nutzen, die sei probat. Dem widerspricht Mitter: »Jeder zweite wird falsch identifiziert.« Und das sei Willkür.

Das Feindbild Fußballfan wird weiter kultiviert. Mitter: »Fans werden mehrfach bestraft: behördlich durch Strafanzeigen, vereinsmäßig durch Stadionverbote, finanziell durch Regressansprüche.« Über Gesetzesverschärfungen würden immer neue Delikte geschaffen, und komme es auf dieser Basis zu Vorfällen, würden wiederum Gesetzesverschärfungen gefordert. »Das ist das Drama.«

Quelle: https://www.jungewelt.de/artikel/342252.fu%C3%9Fball-spirale-der-eskalation.html?fbclid=IwAR0CcBLxeK_vQBFmsU7knAzJ2AYiKgd4NuxRvfy5NqIT-hxuOu9wDhBUpwA

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