Tackles am Limit. Wie Heidelberg die deutsche Rugbymeisterschaft gewann. Von Oliver Rast

Im Spiel um die deutsche Rugbymeisterschaft trafen am Samstag in Berlin vor 1.400 Zuschauern die Finalisten der Vorjahre aufeinander: TV Pforzheim und Heidelberger RK. Zwei Teams aus Baden, die einander aus der Südweststaffel der zweigleisigen Bundesliga vertraut sind. Ein Match mit Derbycharakter. Zur Halbzeit lag der älteste Rugbyklub des Landes aus Heidelberg noch 15:18 gegen den Vorjahressieger zurück, am Ende konnte der HRK aber einen knappen Vorsprung über die Zeit retten und gewann den 13. Meistertitel seiner Vereinsgeschichte.

Wenn es ein Handgemenge gab, war HRK-Kapitän Kehoma Brenner (31) in der Regel mittendrin. Ein Mann der klaren Ansagen. Seit seinem sechsten Lebensjahr spielt der gebürtige Heidelberger Rugby. »Ich bin im Team für die Drecksarbeit zuständig«, so Brenner in seiner Rollenbeschreibung gegenüber jW. Als »erster Kontaktpunkt und Spieler mit den meisten Tackles« sei es sein Job, den Ball zu erobern und seine Mitspieler für das Angriffsspiel in Position zu bringen.

Der HRK kam besser ins Spiel. TVP-Coach John Willis hatte die Devise ausgegeben, »zuerst die einfachen Dinge richtig zu machen und Fehler zu vermeiden«. Nach 50 Sekunden war sein Plan dahin. Gleich mit dem ersten Vorstoß nach dem Anstoßkick erzielte der HRK den ersten Versuch, der mit einem Tor im Fußball vergleichbar ist. Fünf Punkte gibt es beim Rugby dafür, wenn die angreifende Mannschaft das Oval hinter der gegnerischen Mal-Linie ablegt. Der anschließende Freikick, die Erhöhung, saß ebenso, was zwei Zusatzpunkte brachte.

Der TVP steckte die Schrecksekunden gut weg und spielte Mitte des ersten Durchgangs einen Vorsprung heraus. Der HRK glich zwar zweimal aus, musste aber mit einem Rückstand in die Pause gehen. »Das Spiel ging in der ersten Halbzeit fast komplett an uns vorbei«, sagt Brenner. Und unmittelbar nach Wiederanpfiff erhöhte der TVP auf 25:15. Der Wendepunkt im emotionsgeladenen Spiel mit versteckten Fouls und der einen oder anderen »Rudelbildung« kam Mitte der zweiten Halbzeit. Die Pforzheimer kassierten eine gelbe Karte, was im Rugby mit einer zehnminütigen Zeitstrafe einhergeht. »Wir mussten an unser absolutes Limit gehen, um das Spiel noch zu drehen«, meint Brenner über diese Phase, in der sein Team auf 39:28 davonzog. Nach einer gelben Karte für HRK-Kicker Raynor Parkinson entwickelte sich ein offener Schlagabtausch, aber der TVP konnte nur noch zum Endstand von 39:35 verkürzen.

Es war das erwartete Finale: eng, hart umkämpft, mit wechselnden Führungen. HRK-Trainer Pieter Jordaan resümierte, dass Kleinigkeiten den Ausschlag gegeben hätten. »Unser Plus war die bessere Auswechselbank.«

Ausrichter des Saisonhöhepunkts war der »Rugby Klub 03 Berlin«. Vereinsboss Ingo Goessgen meinte sichtlich erleichtert, man habe »einen perfekten Rahmen für das Endspiel« bieten können. RK 03 war im Halbfinale gegen Pforzheim mit 15:52 untergegangen. Im zweiten Semifinale fertigte HRK den SC Germania List aus Hannover mit 69:12 ab. Das Süd-Nord-Gefälle der Bundesliga ist schon länger eklatant. In den vergangenen sechs Jahren standen sich die beiden badischen Klubs fünfmal im Finale gegenüber. Klaus Blank, Präsident des Deutschen Rugby-Verbands, bemühte auf Nachfrage den Vergleich zur Fußballbundesliga. Da gebe es auch nur zwei Titelkandidaten.

»Das Niveau ist in den letzten fünf Jahren explodiert«, so Brenner, der als Semiprofi trotz seiner Erwerbsarbeit als Lebensmitteltechniker täglich auf dem Trainingsplatz steht. Dennoch werde in den dritten Rugbyligen Frankreichs besserer Sport geboten, als in der höchsten deutschen Spielklasse, sagt Denis Frank vom Online-Portal Totalrugby.

Brenner ist nach dem Finale »kaputter als beim letzten Länderspiel mit den Jungs in Kenia bei extremer Luftfeuchtigkeit auf 1.500 Meter Höhe«. Er lässt sich von einem Klubkollegen eine Flasche Pils reichen. Eines seiner zwei Jahresziele hat er mit dem Meistertitel erreicht. Im Herbst will Brenner noch die Marke von 50 Nationalspielen knacken, was vor ihn »nur drei Spieler geschafft haben«. In der Liga kann es für ihn in der kommenden Saison nur um eines gehen, die Titelverteidigung.

Quelle. https://www.jungewelt.de/artikel/313345.tackles-am-limit.html

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