The clash of the ashes. Der irische Traditionssport Hurling ist längst in Berlin angekommen

Das Visier vom Helm ist runtergeklappt, seit 2011 ist das Pflicht. Der Schläger liegt locker in der rechten Hand, er nimmt den Ball, der hier Sliotar heißt, in vollem Lauf mit der breiten Schaufel, Bas genannt, vom holprigen Rasen auf, er lässt den Ball ein-, zweimal auftropfen, dann holt er schwungvoll zum Schlag Richtung gegnerisches Tor aus. Marc Schleunitz, 32 Jahre alt, spielt Hurling. Er ist Stürmer bei Setanta Berlin. »Setanta« ist die Sagengestalt in der keltischen Mythologie, die alle heroischen Superlative vereint – eine, die unbesiegbar ist.

Wie kommt man als Biologe zu diesem Freizeitspaß? »Purer Zufall«, sagt er. Sonntags habe er oft hobbymäßig in Steglitz Fußball gespielt. Auf der anderen Platzhälfte fuchtelten einige mit einem Schläger, dem Hurley, herum. Das war »ein Sport, den ich vorher nicht kannte, der sofort meine Neugierde weckte.«

Hurling ist ein gälischer Sport, 3.000 Jahre alt. Es vereint Elemente von Hockey und Baseball. Ein Baby in Irland, besonders in den ländlichen Regionen, bekommt zwei Dinge in die Wiege gelegt, erklärt David Smyth, 35, der Pressesprecher von Setanta: »Einen Nuckel und einen Hurley.« Und er erzählt davon, dass Hurlingspieler nach der Kolonisierung Irlands im 12. Jahrhundert durch die Engländer verfolgt wurden, weil ihr Sport als Widerstand gegen die Besatzer galt. Populär blieb der Sport über die Jahrhunderte trotzdem.

»In Deutschland ist Hurling eine Graswurzelbewegung«, sagt Schleunitz während einer Trainingspause. Smyth ergänzt: »Wir haben am Nullpunkt angefangen.« Ohne Vereinsstruktur, ohne Verband. Im Oktober 2015 dann die Vereinsgründung. Aus der Handvoll Initiatoren sind seitdem über 100 Vereinsmitglieder, einschließlich der Frauenhurling-Abteilung und der Gaelic-Football-Spieler, geworden. »Menschen in Berlin haben Interesse an komischem Sport«, meint Smyth.

Berlin ist in Europa außerhalb Irlands auch die einzige Stadt, in der es zwei von der Gaelic Athletic Assoziation (GAA) anerkannte Hurlingklubs gibt. Was macht Hurling aus? Der Klang, »wenn in einer Zweikampfsituation die Schläger aufeinander prallen«, sagt Schleunitz. Das ist der »clash of the ashes«: Die Schläger werden aus dem Wurzelstamm einer Esche gefertigt und sind leicht dehnbar.

Hurler spielen in Deutschland üblicherweise auf Fußballfeldern. Die Hurlingplätze in Irland sind länger (130–145 Meter) und breiter (70–80 Meter). Plätze mit diesen Ausmaßen gibt es hierzulande nicht. Im Ortsteil Lichterfelde (Bezirk Steglitz-Zehlendorf) liegt nun das Refugium der Berliner Hurler. Eigentlich ein zu kleiner Softballplatz, die Umstände sind widrig: Der Kabinentrakt der Anlage ist verrammelt, vor der Eingangstür und den Fenstern sind dicke Spanplatten verschraubt, alles dicht. Im eigens herangeschafften Container lagert das Equipment, Tore, Netze, Schläger-Sets. Ein Dixiklo steht nebenan. Geduscht werden muss zu Hause.

Egal, hier bereitet sich Setanta auf die Spiele für die Cúltec European Hurling & Camogie Championships vor, der europäischen Hurling-Liga (ohne Irland). Die gibt es seit 2015 und Setanta ist erstmals dabei. Am nächsten Samstag ist Berlin GAA Gastgeber für die zweite Runde auf der Anlage in der Jungfernheide in Charlottenburg. Nach dem Vorbereitungstraining kommt Schleunitz schweißtriefend hinter das Spielfeldgatter – erleichtert wirkt er: »Wir sind deutlich besser geworden, spielerisch vor allem.« Smyth süffisant: »Ja, das sieht langsam ein bisschen nach Hurling aus.«

Quelle: https://www.jungewelt.de/artikel/334082.the-clash-of-the-ashes.html

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.