»Uns verbindet Solidarität«. Polizei und Politik pflegen das Feindbild Fußballfan. Ein Gespräch mit Christian Oberthür von der Fanhilfe Magdeburg

Was war der Auslöser für die Gründung der Fanhilfe Magdeburg?

15 bis 20 Anhänger des 1. FC Magdeburg aus unterschiedlichen Lagern fanden sich nach der massiven staatlichen Repression gegen Klubfans im Dezember 2014 zusammen und starteten die Gründungsinitiative der Fanhilfe. Damals wurden über 200 1. FCM-Fans von der Polizei bei eisigen Temperaturen ohne Versorgungs- und Toilettenmöglichkeiten festgehalten, die auf dem Weg zum Spiel gegen die zweite Mannschaft des 1. FC Union Berlin waren. Selbst Minderjährige waren darunter. Eine vorausgegangene Auseinandersetzung einer Handvoll Fans nahm die Polizei zum Anlass, alle Anreisenden wegen des Verdachts auf Landfriedensbruch festzusetzen. Verantwortliche von Union sprachen gegenüber allen erfassten Fans ein Stadionverbot, zum Teil auf Bewährung, aus. Die Verfahren wurden nahezu alle eingestellt. Trotzdem erhielten die Betroffenen präventiv ein mehrmonatiges Stadionverbot. Die Unschuldsvermutung gilt offenbar nicht für Fußballfans.

Eine Rechtsberatung obliegt Rechtsanwälten – was kann eine Fanhilfe tun?

Wir vertreten primär unsere knapp 400 Mitglieder. Bei einer Anzeige oder einem Stadionverbot vermitteln wir eine vergünstigte Rechtsberatung bei unseren Kontaktanwälten. Eine anteilige Übernahme von Verfahrenskosten können Fans bei unserer Unterstützungskommission beantragen. Bei jedem Heimspiel haben wir Infostände im Stadion, wo wir gratis Hilfebroschüren anbieten. Die Außendarstellung als spektrenübergreifender Verein der Fanszene ist uns besonders wichtig; deswegen betreiben wir eine aktive Öffentlichkeitsarbeit, um die Bürgerrechte von Fußballfans in eine breite Debatte einzubringen.

Die Fanhilfe Magdeburg begreift sich als Solidargemeinschaft. Schließt das auch Klubfans aus extrem rechten Kreisen ein?

Laut Satzung und Leitbild stellen wir uns gegen jede Form von Diskriminierung. Konkret heißt das, dass wir Fans nicht unterstützen, die zum Beispiel wegen des Verwendens verfassungswidriger Kennzeichen oder des Hitlergrußes strafrechtlich verfolgt werden. Wer um Hilfe anfragt, muss zwingend Vereinsmitglied sein. Uns verbindet der Gedanke, solidarisch für den Einzelnen da zu sein, wenn dieser zu Unrecht belangt wird. Dieses Grundprinzip haben unsere Vereinsmitglieder verinnerlicht.

Sie haben vor einigen Monaten die Initiative »Pro Fans« von Hertha BSC bei einer parlamentarischen Anfrage unterstützt. Warum?

Fans von Hertha BSC, die im Februar 2018 zusammen mit befreundeten Fans vom Karlsruher SC zum Drittliga-Spiel nach Halle an der Saale fuhren, sahen sich einem überdimensionalen Polizeiaufgebot gegenüber. Angesichts der viel zitierten Überbelastung der Polizeikräfte baten uns Fans aus Berlin und Karlsruhe um Unterstützung. Über Eva von Angern, Die Linke, befragten wir die Landesregierung von Sachsen-Anhalt unter anderem zur Anzahl der eingesetzten Polizisten und zu den Einsatzkosten. Heraus kam Folgendes: 440 Einsatzkräfte, 20 davon in Zivil, 3.173 Einsatzstunden, die den Landeshaushalt mit exakt 162.292,77 Euro belastet haben. Am Spieltag wurden fünf Strafverfahren gegen Fans eingeleitet.

Stehen die einzelnen Fanhilfen in regelmäßigem Austausch? Mit welchen Fanhilfen kooperieren Sie?

Alle Fanhilfen in Deutschland und Österreich sind miteinander in Kontakt, um sich über aktuelle Aufgaben und Erfahrungen auszutauschen. Zweimal im Jahr findet ein Vernetzungstreffen mit Workshops statt, an dem bis zu 30 Fanhilfen teilnehmen. Als Fanhilfe Magdeburg stehen wir unter anderem mit der Schwarz-Gelben Hilfe Dresden, der Fanhilfe Hannover, der Blau-Weiß-Roten Hilfe Rostock, der Rot-Schwarzen Hilfe Nürnberg sowie dem Rechtshilfekollektiv Chemie Leipzig in Verbindung.

Der 1. FC Magdeburg ist in die Zweite Bundesliga aufgestiegen. Was bedeutet das für Ihre Arbeit? Verschärfte Sicherheitsauflagen bei »Risikospielen«?

Die sportliche Situation des 1. FC Magdeburg beeinflusst unsere Arbeit nur indirekt. Die Fanszene war immer schon mit verstärkter Repression – Stadionverbote, Meldeauflagen – konfrontiert, unabhängig von der Ligazugehörigkeit des Klubs. Der Aufstieg fordert von uns eine verstärkte Netzwerkarbeit. Wir werden zu Spielorten fahren, wo wir die Begebenheiten in den Stadien und die Polizeitaktik nicht genau kennen. Wir stellen uns auf eine größere mediale Resonanz ein. Und ganz klar: Wir erhoffen uns weitere Mitglieder.

Wie war die Situation beim Zweitliga-Debüt am vergangenen Sonntag gegen den FC St. Pauli?

Schon im Vorfeld war die Vorfreude auf dieses Spiel groß, was daran lag, dass der 1. FC Magdeburg erstmals überhaupt in seiner Vereinsgeschichte in der Zweiten Bundesliga antreten durfte. Dass dann zum Start so ein Traditionsverein wie der FC St. Pauli ins Heinz-Krügel-Stadion kam, lockte auch den letzten Fan. 5.000 Menschen beim blau-weißen Fanmarsch vor der Partie sprechen für sich. Das enorme Polizeiaufgebot lässt zudem erahnen, dass wir als Fanhilfe in dieser Saison wohl, leider, genug zu tun bekommen werden.

Quelle: https://www.jungewelt.de/artikel/337663.sportpolitik-uns-verbindet-solidarit%C3%A4t.html

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