»Uns wurde nie adäquater Ersatz angeboten.« »Coworking-Space« statt Jugendzentrum: »Potse« in Berlin besetzt, nachdem Mietvertrag nicht verlängert wurde. Gespräch mit Jana Selke*

In den letzten Tagen wurde mehrfach für den Erhalt von »Drugstore« und »Potse« demonstriert. Die selbstverwalteten Jugendzentren in Berlin-Schöneberg gibt es bereits seit den 1970er Jahren. Was zeichnet diese beiden Treffs aus?

Das »Drugstore« gibt es seit 1972. Damals hatte sich der Verein Sozialpädagogische Sondermaßnahmen Berlin e. V. gegründet, zu dem später noch das Tommy-Weißbecker-Haus und das Projekt in der Mansteinstraße 10 gehören sollten. Die »Potse« besteht seit 1979. Wir arbeiten hier alle ehrenamtlich. Es gibt keine Erzieher oder Sozialarbeiter, die bezahlt Jugendliche bespaßen sollen. Wir machen alles selber: Wenn du also ein Konzert machen willst, eine Politgruppe oder einen Ort für ein Plenum suchst, kannst du einfach zu uns kommen. Das galt für beide Läden. Ansonsten verstehen wir uns als antifaschistischer Freiraum. Wir dulden bei uns weder Sexismus noch Rassismus, Homophobie oder andere Formen von Diskriminierung.

Der Gebäudekomplex in der Potsdamer Straße 180/182 war einst in öffentlicher Hand. Nach einem Eigentümerwechsel gab es regelmäßig Schwierigkeiten mit der Verlängerung des Mietvertrags und der Förderung durch Gelder seitens des Bezirks Tempelhof-Schöneberg. Warum?

Ursprünglich gehörte das Gebäude dem Senat von Westberlin, der das Gebäude 1986 für eine Spottpreis an die Berliner Verkehrsbetriebe, BVG, verkaufte. Mit der BVG als Eigentümer gab es regelmäßig Stress. Vor etwa zehn Jahren wurde das Gebäude erneut verkauft. 2015 erhielten wir dann das Kündigungsschreiben. Ab diesem Zeitpunkt haben wir angefangen, mit dem Bezirk Tempelhof-Schöneberg zu verhandeln. Von Anfang an wurde über Ersatzobjekte gesprochen. Doch nie konnte uns der Bezirk einen adäquaten Ersatz präsentieren. Ende 2015 haben wir dann eine Verlängerung um zwei Jahre rausverhandelt und den Bezirk dazu motiviert, uns finanziell weiter zu unterstützen. 2017 wurde uns allerdings mitgeteilt, dass wir nur noch bis zum 31.12.2018 bleiben könnten.

Dieses Datum war der Stichtag für die Schlüsselübergabe an den SPD-Jugendstadtrat Oliver Schworck wegen des ausgelaufenen Mietvertrags. Im Gegensatz zu den Vertretern vom »Drugstore« haben Sie die Übergabe der Schlüssel verweigert. Bislang gibt es keinen amtlichen Räumungstitel gegen die »Potse«. Was fordern Sie vom Bezirksstadtrat?

Uns müssen Ersatzräumlichkeiten zur Verfügung gestellt werden, in denen wir unser Angebot so fortführen können, wie wir das bislang getan haben. Das Objekt in der Potsdamer Straße 134/136, das uns angeboten wurde, reicht nicht aus. Die Räumlichkeiten sind nicht mal halb so groß wie die jetzigen. Und: Wir könnten dort aus Lärmschutzgründen keine Konzerte oder Bandproben veranstalten. Dabei ist die Musik eines unserer wichtigsten Angebote. Die meisten Jugendlichen, die zu uns kommen, lernen uns durch die bei uns stattfindenden und immer kostenlosen Konzerte kennen.

»Rent24« ist der aktuelle Hauptmieter – ein Unternehmen, welches Büroflächen und Wohnraum nach eigenen Angaben an »Nomaden mit leidenschaftlichem Unternehmergeist« untervermietet. Welche Pläne gibt es mit dem Objekt?

»Rent24« will unsere Etage nutzen, damit sie ihren »Coworking-« und »Coliving-Space« erweitern und so mehr Profit machen können.

In Berlin sind mehrere linke Projekte akut durch Mieterhöhungen und auslaufende Mietverträge bedroht, unter anderem auch das Kneipenkollektiv »Syndikat« in Neukölln. Gibt es gegenseitige Unterstützung?

Wir sind solidarisch mit allen bedrohten Projekten, sei es das »Syndikat«, die »Liebig34«, die »Meuterei« oder einer der unzähligen weiteren bedrohten Freiräume. Wir stehen in engem Kontakt mit anderen Projekten, tauschen uns aus und veranstalten Info- und Soli­abende mit und für sie. Wir haben auch an der »Interkiezionale« – einer Vernetzungs- und Aktionswoche bedrohter Projekte, die Ende Oktober in Berlin stattfand – teilgenommen. Dazu kommen mehrere Demos, die auch aktuell stattfinden. Auf den Kundgebungen mit Konzerten der vergangenen Tage gab es Redebeiträge von Vertretern anderer Projekte, deren Existenz gefährdet ist. Wir in der »Potse« werden uns immer solidarisch mit ihnen zeigen.

Jana Selke* ist im selbstverwalteten Jugendzentrum »Potse« aktiv (Name von Redaktion geändert)

Link zur Petition für den Erhalt von Drugstore und Potse: kurzlink.de/TZ3UiLic2

Quelle: https://www.jungewelt.de/artikel/346496.jugendzentren-in-berlin-bedroht-uns-wurde-nie-ad%C3%A4quater-ersatz-angeboten.html?fbclid=IwAR3U6dIwqXuGxGM7ijGITKZjjE0BE8_e839Gs_E8AgZARAPRCYYkhc_zXMk

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