Unteres Drittel. So viel Tradition und nicht mal Mittelmaß: Eindrücke vom Saisonabschluss des FK Austria Wien

Tiefe Verbundenheit mit dem Fußballerstligisten FK Austria Wien haben der Chef der Sozialdemokratischen Partei Österreichs (SPÖ), Christian Kern, und der designierte Chef des Österreichischen Gewerkschaftsbundes (ÖGB), Wolfgang Katzian, gemeinsam. Kern war Aufsichtsratsmitglied, bis er im Mai 2016 für anderthalb Jahre Bundeskanzler der Alpenrepublik wurde. Katzian ist Langzeitpräsident des Vereins (seit Anfang 2007). Solch prominente »eingefleischte Austrianer« schießen aber noch keine Tore. Das wurde in dieser Saison des FAK – die Buchstabenfolge der Abkürzung folgt der des Vereinsemblems – sehr deutlich. Am Ende lag der Klub auf Rang sieben in der Tabelle – von insgesamt zehn Teams. Das ist nicht einmal mehr Mittelmaß. Ein Platz hinter dem SV Mattersburg (7.300 Einwohner) aus dem Burgenland, ein Platz vor dem SCR Altach (6.500 Einwohner) aus Vorarlberg.

Die Austria kam in den 36 Ligaspielen dieser Saison auf 17 Niederlagen und kassierte 55 Gegentore – Negativrekorde in der Vereinsgeschichte. Und die Bestmarke von 82 Punkten aus der Saison 2012/2013 ist auch futsch. Der RB Salzburg, der frühzeitig als Meister feststand, übertraf den Rekord aus dem X. Wiener Gemeindebezirk um einen Punkt. Wenn die Spielzeit etwas zeigte, dann: Austria, 24maliger Landesmeister, zuerst 1924, zuletzt 2013, hat den Anschluss an RB Salzburg, SK Sturm Graz und den Erzrivalen SK Rapid Wien verloren.

Am vergangenen Sonntag kamen zum letzten Spieltag die Salzburger, ein Spiel ohne Wert. Wie alle Heimspiele in dieser Saison ein Auswärtsspiel. Die heimische Generali-Arena wird grundsaniert und steht erst nach dem Sommer wieder zur Verfügung. Diesmal war auch das Ausweichquartier, das Ernst-Happel-Stadion, wegen des 31. Frauenlaufs belegt. Mannschaft und Fans gastierten südlich von Wien in Niederösterreich. Kleines Stadion, 4.300 Plätze, zwei Tribünen jeweils entlang der Geraden, zum Abschlussmatch ausverkauft. »Wir bitten um Verständnis, aber wir haben so wenig Platz in Wr. Neustadt (auch auf den normalen Tribünen), dass wir keine zusätzlichen Medien mehr annehmen können«, beschied FAK-Leiter Medien und Kommunikation, Christoph Pflug, eine jW-Anfrage bezüglich eines Pressetickets.

Die aktive Fanszene mobilisierte zur »Auswärtsfahrt« über die sogenannten sozialen Medien. Treffpunkt: 13 Uhr, Hauptbahnhof Wien, vor einer Zweigstelle einer Fastfoodkette. Mit Bässen, Burgern und Dosenbier ging’s im 120-Anhänger-Mob zum Regionalzug. Kurz vor 15 Uhr sammelten sich die Fans vor dem Zielbahnhof zum Marsch Richtung Stadion. Zweimal kam ein bisschen Leben in den lahmen Aufzug. Einmal als der Einpeitscher »Bengalische Lichter« der rechten Hooligan-Kapelle »Kategorie C« abspielte, und einmal als ein Alt-Hool den ungelösten Generationskonflikt mit einem Jung-Ultra handfest austrug. Der Auslöser? Unklar. Jedenfalls attestierte der Ältere dem Jüngeren »fehlende Eier« und verpasste ihm ein, zwei Wirkungstreffer mit der Faust – eine pädagogische Lektion in den eigenen Reihen.

Vor dem Stadioneingang stand Martin, Mitte 20, kein Ultra, eher Mamas Liebling, ganz stilsicher im violetten Poloshirt von Lacoste, der Austria-Farbe. Befragt zum Saisonverlauf sagte er kurz und bündig: »Extrem scheiße.« Und fügte an: »Austria-Fan zu sein, ist aktuell einfach nur leiden.« Anderthalb Jahre Durststrecke habe er mitgemacht, jetzt hoffe er auf einen Aufbruch in der aufgehübschten Austria-Arena.

Im Stadion die übliche Fachsimpelei. Herbert, Ende 60, braungebrannt mit silbernem Halskettchen, seit Jahrzehnten Austria-Fan, verstand nicht, warum der Klub so sehr auf deutsche Trainer setze: »Wir haben doch Andi Ogris, der unsere Amateure in die zweite Liga geführt hat. Der einzige Lichtblick in der Saison.« Ogris sei als alter Austrianer eine Identifikationsfigur. Mag sein. Stattdessen coacht der Deutsche Thomas Letsch. Ein Trainer ohne Meriten, der Beschwörungsformeln im Stadionheft verbreitet: »Den Spielern muss bewusst sein, dass es etwas ganz Besonderes ist, bei einem Klub mit so viel Tradition zu spielen.« Letsch beerbte Ende Februar den Deutschen Thorsten Fink, schaffte keine Trendwende, trotzdem verlängerte der Vereinsvorstand seinen Kontrakt vorzeitig bis 2020. »Daran ist der Wohlfahrt schuld«, empörte sich Herbert. Er meinte den ehemaligen Torwart des VfB Stuttgart (1996 bis 2000) und heutigen Austria-Sportdirektor Franz Wohlfahrt (seit 2015). Dessen Transferpolitik steht bei den Fans schon länger in der Kritik.

Serienmeister Salzburg verteilte zum Saisonabschluss Geschenke, jeweils zwei pro Halbzeit. Die 0:4-Niederlage war den RB-Fans dabei herzlich egal: »Wir sind nur zum Feiern hier.« Herbert war weniger gut drauf: »Wir haben den Meister in einem Sommer-Kick besiegt, mehr nicht.«

Exkanzler Kern meinte einmal: »Austrianer, das vererbt man.« Urfan Herbert sieht das wohl ähnlich: »Violettes Blut hat man oder hat man nicht.« Katzian, ÖGB-Boss in spe, verstieg sich mal zu der Behauptung: »Jeder Austrianer brennt auf Titel.« Wenn das überhaupt noch stimmt, dann ist es ein Brennen auf Sparflamme.

Quelle: https://www.jungewelt.de/artikel/333396.unteres-drittel.html

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