Verblasste Rekorde. Die Glanzzeiten des Schweizer Rekordmeisters Grasshoppers Zürich sind lange her

Kluberfolge stehen manchmal nur noch in der Vitrine. Das ist auch beim 1886 gegründeten Grasshopper Club Zürich (GCZ) so. 27mal Schweizer Fußballmeister, 19mal Pokalsieger. Der GCZ ist eidgenössischer Rekordhalter. Nur: Der letzte Meistertitel liegt bereits 15 Jahre zurück, 2003 war das, unter Trainer Marcel Koller. Die Hochzeit liegt noch weiter zurück, in den 80er und 90er Jahren waren die Grasshoppers eine Topadresse.

Heute: Rang neun von zehn Teams. Sechs Niederlagen, ein Unentschieden und drei Siege – das ist die Zwischenbilanz nach zehn Spieltagen in der Super League. »Klar, wir hätten im bisherigen Saisonverlauf gerne drei bis vier Punkte mehr gehabt«, sagt Mathias Walther (46), GCZ-Sportchef, auf jW-Nachfrage. Muss der Anspruch des GCZ nicht höher liegen? Walther ist realistisch: »Mit Young Boys Bern und FC Basel können wir momentan nicht mithalten.« Fünfter wolle er am Ende werden, die Qualifikationsrunde zur Europa League erreichen.

Noch knüpfen die Grasshoppers nahtlos an die vergangene Saison an; da rangierte die Mannschaft in der Schlusstabelle auf dem vorletzten Platz. Das reichte gerade, um nicht abzusteigen. Mit Beginn dieser Saison bedeutet der neunte Rang allerdings die Relegation gegen den Zweiten aus der zweitklassigen Challenge League. Risiko für die Erstligisten, Chance für die Zweitligisten.

Dabei sollte vieles besser werden. Vor dem Ende der Saison 2017/18 stellte die Klubführung den früheren Grasshopper und Schweizer Nationalspieler Murat Yakin vom Traineramt frei. Thorsten Fink, Ex-Bayern-Profi, übernahm im April des Jahres das Training. Zuvor musste er beim FK Austria Wien nach einer sportlichen Schwächeperiode seine Sachen packen. Eine typische Trainerrochade. Gefeuerte Trainer erhalten ein Engagement bei Klubs, die ihrerseits ihren Trainer gefeuert haben.

Fußballstatistiker aber sind schonungslos. Weniger als einen Punkt pro Spiel hat der 50jährige Fink in seinen bis dato 17 Matches an der Seitenlinie des GCZ geholt. Kein GCZ-Trainer schnitt im neuen Jahrtausend schlechter ab, Vorgänger Yakin ergatterte im Schnitt knapp 1,4 Punkte. »Es gibt bei uns keine Trainerdebatte. Wir werden in der jetzigen Situation auch nicht hektisch«, betont Walther. Fink habe 2009 und 2010 mit dem FC Basel gezeigt, dass er Meistertitel holen könne. Das hört sich nach demonstrativer Rückendeckung an.

Übungsleiter nehmen bei einem Standortwechsel gerne ausgewählte Spieler ihres früheren Arbeitgebers mit – Fink lotste Raphael Holzhauser (25), Kapitän und bis zu seinen Wechselgerüchten Publikumsliebling bei der Austria, von der Donau an den Limmat. Beide verbindet eine enge Liaison. »Ich machte aus ihm meinen wichtigsten Spieler«, verriet Fink unlängst im Tagesanzeiger. Und der ambitionierte Kicker sieht sich durchaus selbstkritisch: In den zwei, drei Spielen zu Saisonbeginn konnte er nicht überzeugen. Seitdem aber, meint Holzhauser, »zeigt die Kurve nach oben«. Holzhauser, der erhoffte Leistungsträger? Walther: »Er wird der Rolle, Führungsspieler zu sein, immer mehr gerecht – gerade auch in schwierigen Spielsituationen.«

Der GCZ ist ohne echtes Zuhause. 2007 wurde das marode Stadion am Hardturm dichtgemacht und dann abgerissen. In der Leichtathletikarena Letzigrund finden seither die Heimpartien statt – genau wie die der lokalen Konkurrenz, dem FC Zürich. Verantwortliche beider Vereine hoffen auf den Volksentscheid über den Neubau eines reinen Fußballstadions am 25. November. »Der Ausgang des Entscheids ist schwer zu prognostizieren«, sagt Walther. Beide Zürcher Klubs würden auf dem Hardturm-Areal ihre Heimspiele austragen, das aber nicht »Hardturm« heißen werde. »Die FCZ-Fans sollen sich ebenfalls wohlfühlen.«

Die informelle Stadtmeisterschaft ging bereits in der Spielzeit 2017/18 an den Erzrivalen FCZ, der in der Liga Vierter wurde. Auch in der Zuschauergunst liegt der FCZ mit durchschnittlich über 10.000 Besuchern weit vor dem GCZ mit gut 6.000. Die erlebnisorientierte Fanklientel zeichnet eine Intimfeindschaft aus, die »Dritte Halbzeit« ist das übliche gewalttätige Begleitprogramm der Zürcher Derbys. »Alte Ehrenkodizes gelten nicht mehr«, schrieb die NZZ am 22. September. Im Stadion selbst gebe es aber keine Gewalt, sagt Walther.

Nach dem ersten Saisonviertel (neun von 36 Ligaspielen mit doppelter Hin- und Rückrunde) wären die Grashoppers abgestiegen – was nach 70 Jahren Erstklassigkeit erst das zweite Mal wäre. Fink forderte von seinen Jungs vor dem Spiel gegen den FC Lugano am zehnten Spieltag »Winnermentalität«. Immerhin: Ein Eigentor und ein Foulelfmeter führten zum 2:1-Sieg gegen die Tessiner. Tabellenletzter ist jetzt Aufsteiger Xamax Neuchatel. Eine Trendwende ist das aber noch nicht. Nach der Länderspielpause geht es gegen den FC Sion, seit vier Wochen coacht dort Ex-Hoppers Yakin. Der dürfte nach seinem Rauswurf noch eine Rechnung mit den Grashüpfern offen haben. Walther: »Vielleicht ist es aber auch für unsere Spieler eine Extramotivation, gegen ihren Extrainer aufzulaufen.«

Quelle: https://www.jungewelt.de/artikel/341963.fu%C3%9Fball-verblasste-rekorde.html

Ein Kommentar

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.