Viel Rauch. Österreichs Rechtsregierung will Pyroshows verbieten

»Raucherbereich Block West« – hinter dieser Banneraufschrift entzündete die aktive Fanszene von Rapid Wien im Heimspiel gegen Wolfsberg am 17. März auf der Hintertortribüne ein großflächiges bengalisches Feuer. Anlass der Darbietung: Die rechte Regierung von Kanzler Sebastian Kurz (ÖVP) und Vize Heinz-Christian Strache (FPÖ) plant ein generelles Verbot von Pyrotechnik in österreichischen Fußballstadien. Damit zielt die schwarz-blaue Koalition ins Nervenzentrum der Ultraszene, die mit aufwendigen Choreographien und buntem Rauch aus Bengaltöpfen für das stimmungsvolle Begleitprogramm am Rasen zuständig ist.

Der Konflikt um das Abbrennen von Pyrotechnik schwelt seit mehr als zwei Jahrzehnten. Das 2010 im Nationalrat des Landes beschlossene Pyrotechnikgesetz verbietet den Einsatz bei Sportgroßveranstaltungen. Bei Rapid und Austria Wien, Sturm Graz und Austria Salzburg gibt es allerdings Ausnahmebewilligungen. Der vor einem Jahr mühsam ausgehandelte Kompromiss zwischen Behörden, Verein und Rapid-Ultras erlaubt letzteren beispielsweise, in zeitlichen Abständen und gekennzeichneten Zonen pro Heimspiel 50 Bengalos bestimmter Fabrikate zu zünden. Zähneknirschend akzeptierte die aktive Fanszene solche restriktiven Klauseln, um Strafen des nationalen Verbandes für den Klub zu vermeiden.

Genau diese Sonderregelungen für Bundesligaspiele stehen nun zur Disposition. Der Generalsekretär im Innenministerium, Peter Goldgruber, will Pyrotechnik in Stadien per Erlass grundsätzlich untersagen, berichtete der Kurier aus Wien am 9. März. Ausnahmen soll es nur noch bei »außergewöhnlichen Ereignissen« wie einem Champions-League-Finale oder einer Fußball-WM geben. Und auch dort nur sehr eingeschränkt.

Ein vehementer Gegner von Bengalo-Shows in Stadien ist Karl Mahrer, ÖVP-Polizeisprecher im Parlament. Mahrer stützt seine Kritik auf eine von der UEFA in Auftrag gegebene Studie, in der nicht nur die Temperaturen der Signalfackeln von bis zu 2.500 Grad Celsius als Gefahr eingestuft werden, sondern auch auf die »akuten toxischen Wirkungen« und »krebserregenden Folgen« hingewiesen wird.

Die Drohungen der Rechtsregierung führen zu seltener Eintracht unter Erzrivalen. Die Vorstände von Rapid und Austria Wien sprechen sich klar gegen ein Verbot aus. »Bengalische Fackeln sind seit Jahrzehnten ein Teil der Fankultur«, unterstrich der Geschäftsführer Wirtschaft bei Rapid, Christoph Peschek, auf seiner Facebook-Seite: Eine legalisierte und sichere Verwendung von Pyrotechnik sei deutlich klüger als eine kriminalisierte und unsichere. Austria-Vorstandsmitglied Markus Kraetschmer beklagte am 11. März im Boulevardblatt Heute einen »Schnellschuss« der Regierung. Die Ausnahmegenehmigungen für beschränkten Pyroeinsatz seien »sehr gut eingespielt«. Rechtshilfe Rapid, ein Unterstützungskreis für Fans, die von Behördenrepression betroffen sind, forderte in einer Pressemitteilung »den Weiterbestand und die Weiterentwicklung der Ausnahmegenehmigungen in Österreichs Stadien«.

Rapid-Ultras polemisieren auch gegen die Begründung des Verbots. Vom Rauchverbot in geschlossenen Gastwirtschaftsräumen rücke das FPÖ-geführte Innenressort ab, um potentielle Gesundheitsschäden durch Bengalos unter freiem Himmel zu skandalisieren. »Richtig heuchlerisch« finden das die Ultras aus dem Block West in einer Stellungnahme.

Es gibt weiteren Zündstoff: Bei dem Rapid-Spiel gegen Wolfsberg zeigte ein Anhänger einen sogenannten Doppelhalter mit den Konterfeis von Innenminister Herbert Kickl (FPÖ) und dem ÖVP-Abgeordneten Mahrer – beide im Fadenkreuz. Daraus wurde ein Politikum. Gazetten fabulierten von einem indirekten Mordaufruf. Das Landesamt für Verfassungsschutz und Terrorismusbekämpfung ermittelt gegen den Rapid-Fan wegen »gefährlicher Drohung«, so der Standard vom 20. März. Bei einer rechtskräftigen Verurteilung drohen dem Fan bis zu drei Jahre Haft.

Die Attacke der FPÖ gegen die Ultraszene habe auch »etwas Gutes«, sagt ein langjähriger Anhänger, der anonym bleiben will, gegenüber jW: »Die Rapid-Fans, die bei den Nationalratswahlen die Blauen (FPÖ, jW) gewählt haben, merken jetzt, wie repressiv der Staat gegen uns vorgeht.« Er hoffe auf eine »heilsame Wirkung«.

Die Rapid-Ultras geben sich unbeeindruckt von der zu erwartenden Repression: »Pyrotechnik wird weiterhin Teil der Fankultur in Österreichs Stadien bleiben! Ob legal und kontrolliert oder illegal und unkontrolliert entscheiden andere.«

Quelle: https://www.jungewelt.de/artikel/330238.viel-rauch.html

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