Vor dem Kollaps. Drittliga-Dino Rot-Weiß Erfurt droht Abstieg und Insolvenz

Rot-Weiß Erfurt gehört als einziger Klub von Beginn an zur dritten Profiliga im deutschen Fußball. Und die gibt es seit 2008. Ob RWE weiter dabei sein kann, ist ungewiss – denn dieser Drittliga-Dino steht vor dem Kollaps, sportlich wie finanziell. Alles hausgemacht, sagen Kritiker aus der Stadtverwaltung.

In der ersten Hälfte der Saison schaffte RWE in 19 Spielen ganze zwölf Punkte: zwei Siege, sechs Unentschieden und zehn Tore, das ergibt den letzten Tabellenplatz, sechs Punkte hinter dem rettenden 17. Rang, den zur Zeit Preußen Münster besetzt. Die Mannschaft hat in der laufenden Spielzeit bereits zwei Trainer verschlissen – der neue ist ein alter, der den Klub bereits von 2010 bis 2012 trainierte: Stefan Emmerling.

Im Verein tobten Machtkämpfe mit komödienartigen Zügen. Erst entließ der Aufsichtsrat am 1. November den Präsidenten Rolf Rombach wegen vorenthaltener Finanzunterlagen, um ihn drei Tage später zurückzuholen, bis Rombach von selbst entnervt das Handtuch warf. Sein Nachfolger ist Frank Nowag. Der versucht nun, die Finanzen zu ordnen. Zwischenbilanz des Schuldenchecks: Der Verein steckt mit knapp sieben Millionen Euro in der Kreide – das ist deutlich mehr als Vorgänger Rombach öffentlich eingeräumt hatte.

Kurz vor Weihnachten wurde es hektisch, denn bis zum 23. Januar muss die Vereinsführung 1,6 Millionen Euro aufgetrieben haben, um die akutesten Verbindlichkeiten zu decken – und um im DFB-Lizenzierungsverfahren für die dritte Liga bestehen zu können. Gelingt das nicht, droht Punktabzug, Zwangsabstieg – und vielleicht die Insolvenz.

Der Verein wandte sich mit einem Hilferuf an die Stadt, der auf wenig Resonanz stieß. »Profisport ist keine kommunale Aufgabe«, sagt der Fraktionsvorsitzende der Linkspartei im Erfurter Stadtrat, Matthias Bärwolff, gegenüber jW. Die Kommunalordnung sehe eine direkte Finanzspritze für den zweimaligen DDR-Meister (1954 und 1955, damals noch als BSG KWU Erfurt), nicht vor. Auch der Weg, den Verein aus den Überschüssen städtischer Tochterunternehmen stärker zu unterstützen, scheint verbaut. »Zahlungen über kommunale Unternehmen wären rechtlich eine verdeckte Gewinnausschüttung und sind nicht zulässig« betont Michael Panse, Fraktionschef der CDU im Stadtrat.

Für Frank Warnecke, stellvertretender SPD-Fraktionsvorsitzender im Thüringer Landtag sind die Probleme von RWE »struktureller Natur.« Zunächst müssten die Grabenkämpfe im Verein überwunden werden, damit er ein geschlossenes Bild nach außen abgeben kann. Und genau das soll nun geschehen. Am 20. Januar findet die RWE-Mitgliederversammlung statt, auf der die kommissarische Vereinsführung im Amt bestätigt werden soll. Danach wird klar sein, wer auf Vereinsseite der legitime Verhandlungspartner für die Gläubiger ist.

Viele Fans sind frustriert, vom glanzlosen Kick auf dem Rasen und den Intrigen in der Geschäftsstelle. Im Stadionblock der Ultras prangt ein Banner, auf dem der »Neuanfang mit neuen Köpfen« gefordert wird. Aber es gibt auch Positives: am 19. Januar eröffnet der Verein ein sogenanntes Fanhaus, »damit haben alle Rot-Weiß-Fans endlich eine Anlaufstelle«, sagt die RWE-Fanbeauftragte Yvonne Malberg.

Wie geht es weiter? Warnecke hält eine »geordnete Insolvenz« für denkbar und Panse sagt: »Unser Ziel ist es, dass RWE als Verein (inklusive Vereinsnamen) mit seinem Nachwuchsleistungszentrum erhalten bleibt.« Das klingt eher defensiv. Zumindest versichert die Sportdezernentin Kathrin Hoyer (Grüne) gegenüber jW, dass RWE auch im Falle eines (Zwangs-)Abstiegs im Steigerwaldstadion bleiben könne.

Die Klubchefs halten sich mit offiziellen Verlautbarungen zurück. Man wolle nicht laufende Gespräche mit potentiellen Geldgebern stören, heißt es, aber man könne »vorerst auf keine größere Hilfe durch die Stadt Erfurt hoffen.«

Die erste rein sportliche Bewährungsprobe steht am 22. Januar an – passgenau zwischen Mitgliederversammlung und dem Ablauf der DFB-Frist. Zum Rückrundenstart kommt Tabellenführer 1. FC Magdeburg.

Quelle: https://www.jungewelt.de/artikel/325107.vor-dem-kollaps.html

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