Wie ein Ruhrpottderby. Es ist das Duell im deutschen Eishockey: Hannover gegen Hannover, Stadt gegen Umland

Sonntag abend, 18. November, 18. Spieltag, Nordstaffel der zweigleisigen drittklassigen Oberliga – Regionalderby im Eishockeystadion am Pferdeturm. Stadt gegen Umland, das heißt: Hannover Indians gegen Hannover Scorpions, das Verfolgerduell um die Tabellenspitze. Kurz vor dem Auftaktbully, die Nordkurve verschmilzt zu einem Block, dicht an dicht steht der »Indianerstamm«. »Es gibt nur einmal Hannover!« schmettert’s aus den Kehlen, die Luft ist dünn, ringsum Wunderkerzen. Und Mulle mittenmang. Mulle ist vom Fanklub »Redskins« und koordiniert viel: Performances, Auswärtsfahrten. Knapp zwei Meter misst er, breite Schultern, Tattoos – und ein unüberhörbares Organ. Ein Heißsporn in der Eishalle, der wenig Textil braucht: immer unterarm- und wadenfrei, Indians-Shirt, kurze Armyhose. 4.608 Zuschauer gehen offiziell in die Arena; »gefühlt sind es bei den Derbys aber 5.000«, sagt er.

Eishockey in Hannover, das ist ein Kapitel von Neugründungen und Ortswechseln – vor allem bei den Scorpions. Ursprungsklub ist der ESC Wedemark, 1975 gegründet, 20 Kilometer von der Landeshauptstadt Niedersachsens entfernt. Zeitsprung: 1996 übernahm der Klub den Platz in der Deutschen Eishockeyliga (DEL) vom EC Hannover, dem Vorläufer der Indians. Als Wedemark Scorpions ging es in die erste Liga. Namenspate war – Vorsicht, akustischer Terror – die Band »Scorpions« aus Hannover. Eine Spielzeit später hieß der Verein »Hannover Scorpions«. Folge: Umzug in die Stadt. 2010 der Höhepunkt, sensationell errang das Team unter Trainerlegende Hans Zach die Deutsche Meisterschaft.

Nach dem Erfolg kam der Absturz. Der Gewinner: Die Wild Wings aus Schwenningen kauften 2013 die DEL-Lizenz von den Scorpions. Die starteten in der Oberliga neu. Klubfehden führten bereits im Meisterjahr zur Spaltung, die Chefs des Nachwuchsbereichs, 2008 als ESC Scorpions Wedemark gegründet, lösten sich von den Hannover Scorpions. Zwei Vereine im Hannoveraner Umland trugen fortan den Skorpion in Namen und Wappen, spielten ab der Saison 2014/15 jeweils in der Oberliga. Im März 2017 dann die »Reunion«, Hannover Scorpions 2.0 entstand. Eric Haselbacher, Sportchef der Scorpions, zur Zellteilung: »Das war ein schlechter Witz.«

Jetzt wollen die wiedervereinigten Scorpions nach oben, in die zweitklassige DEL2. Für die Fans der Indians sind die Scorpions ein »Retortenklub«. Schmähgesänge gehören zum Standardrepertoire. »Wir werden bei den Scorpions in der Halle immer in eine Lücke gepfercht, wie die letzten Säue behandelt«, mokiert sich Mulle. Klubverantwortliche mäßigen: »Nein, Feinde gibt es nicht im Sport«, betont Uwe Schlüter, geschäftsführender Gesellschafter der Hannover Indians, gegenüber jW.

Auch die Indians sind ambitioniert. Ziele setzen, Ziele erreichen – das ist die Devise von Schlüter. Erstes Minimalziel: »Wir wollen in die Play-offs, Platz vier, um Heimrecht zu haben.« Der Blick Richtung Aufstieg. Ein Schritt dorthin: Derbysiege. Indians-Trainer Len Soccio ist eigentlich ein Held der Scorpions, hat lange dort gespielt, war sogar Topscorer. Wie hat er sein Team auf das Derby vorbereitet? »Das ist wie Schalke gegen Dortmund; ich muss nicht viel sagen, das motiviert von alleine.« Denkste! Nach zehn Minuten lagen die Gäste aus der Peripherie mit 2:0 in Front. Der Anschlusstreffer für die Indians fiel erst kurz vor der Drittelpause. Das zweite Drittel blieb torlos, schwer umkämpft. Auf das 2:2 im Abschlussdrittel folgte prompt das 2:3 – der Endstand. Heimpleite für die Indians. Schon das Hinspiel ging an die Scorpions, 6:5 nach Penaltyschießen. Die Doppelniederlage ist noch keine Vorentscheidung, aber ein Fingerzeig. Zwei Regionalduelle kommen noch im Grunddurchgang, weitere vielleicht in den Play-offs.

Haben die Klubs aus der Region Hannover das Zeug für die zweite Liga? René Rudorisch, DEL2-Boss, hält auf jW-Nachfrage die nötigen infrastrukturellen Verbesserungen der Spielstätten für machbar: »Kein Hexenwerk.« Schwieriger sei die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit, dazu könne er momentan nichts sagen. Hannover, wie jeder Aufsteiger, würde die DEL2 attraktiver machen, und klar: »In Hannover lebt man eine tolle Eishockeykultur.«

Nach dem Spiel sitzen die Trainer auf der Pressekonferenz. Soccio wirkt angesäuert, der Spielverlauf im ersten Drittel passte ihm gar nicht: »Wir waren nicht da.« Im zweiten Drittel habe er eine andere Mannschaft gesehen, kämpferisch, läuferisch. Im dritten Drittel seien seine Sturmreihen optisch überlegen gewesen, das reiche aber nicht, wenn man keine Tore macht. Fazit: »Es war eine verdiente Niederlage, wir haben nicht genug getan, um das Spiel heute zu gewinnen.«

Anders Dieter Reiss, Trainer der Scorpions. »Wir haben dran gearbeitet, mal in Hannover zu gewinnen«, spricht er spöttisch ins Mikro. Die Scorpions auf dem Weg in die DEL2? »Wenn sich die Chance bietet, dann müssen wir sie nutzen.« Es gebe für sein Team eine Klasse höher aber keine Derbys mehr, »sondern nur noch Vorbereitungsspiele gegen die Indians«. Das saß, Gelächter im Presseraum.

Und Superfan Mulle? Zum Lachen war ihm nicht zu Mute, zu groß der Groll. »Wir vergessen das Spiel einfach.«

Quelle: https://www.jungewelt.de/artikel/344274.eishockey-wie-ein-ruhrpottderby.html

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