»Wir stehen vor einer Zäsur.« Österreichische Polizei hält Hunderte Rapid-Wien-Fans bei Minusgraden fest. Ein Gespräch mit Helmut Mitter

Beim Wiener Derby zwischen dem FK Austria Wien und dem SK Rapid Wien sind am vergangenen Sonntagnachmittag mehr als 1.300 Rapid-Anhänger auf dem Weg ins Austria-Stadion seitens der Polizei für eine individuelle Personalienfeststellung festgesetzt und über sieben Stunden eingekesselt worden. Grund: Es sollen Gegenstände auf die Südosttangente geworfen worden sein. Gab es Ihrer Kenntnis nach eine Verkehrsbehinderung?

Ja, es gab wie üblich eine Verkehrsbehinderung. Die Autobahn wurde in den letzten Jahren immer wieder für einige Minuten gesperrt, bis der Marsch diesen Abschnitt passiert hatte. Dies erfolgte am Sonntag erst, kurz nachdem der Fanmarsch dort eintraf. Auf Videoaufnahmen vom Polizeihubschrauber ist zu erkennen, wie insgesamt sieben Schneebälle auf die Fahrbahn geworfen wurden. Dieser »Bewurf« ist in der Polizeiversion der Grund für einen siebenstündigen Polizeikessel bei -2°C auf einem wenige Meter breiten schneebedeckten Trampelpfad direkt oberhalb der Autobahn.

Sie haben in einer Meldung geschrieben, die Polizei hätte selbst eine medizinische Versorgung von kollabierten Rapid-Fans verhindert. Pressevertretern wurde der Zugang zu den Betroffenen verweigert. Können Sie die Vorfälle genauer beschreiben?

Es gab während der Dauer des Polizeikessels keine Möglichkeit, auf Toilette zu gehen und auch sonst keine Versorgung. Frauen wurde gesagt, sie könnten sich doch neben die Wand hocken. Rollstuhlfahrern, Schwangeren und Kindern erging es ähnlich. Es ist dem solidarischen Miteinander der Fans zu verdanken, dass diese im dichten Gedränge nicht zu Schaden gekommen sind und eher rauskamen. Gegen Ende dieses Martyriums brachen dann nach und nach Menschen zusammen. Obwohl Leute aus dem Kessel die Rettung verständigt hatten, wurde diese nie in den Polizeikessel gelassen. Seitens der Polizei wurde behauptet, dass sich Polizeisanitäter um diese Menschen kümmerten. Ebenso spricht die Polizei sogar tags danach noch davon, sie hätte die Eingekesselten mit Getränken versorgt – was nie passierte! Es berichten uns heute zahlreiche Rapidler, dass sie infolge der stundenlangen Quälerei in der Kälte erkrankt sind.

Sie mutmaßen, dass diese Polizeiaktion im Vorfeld geplant gewesen sei. Auf welche Hinweise stützen Sie sich? War es möglicherweise eine »Retourkutsche« der Polizei für die »ACAB«-Choreografie der Rapid-Ultras im Westblock während des Euroleague-Spiels am vergangenen Donnerstag gegen die Glasgow Rangers?

Die Polizei hat gegenüber Vereinsverantwortlichen bereits bei der Sicherheitsbesprechung in Aussicht gestellt, dass die Fans womöglich gar nicht bis zum Stadion kommen könnten. Diese Besprechung fand noch vor dieser Choreografie statt, letztere ist daher definitiv nicht als Ursache für diese Maßnahme herzunehmen. Vielmehr hat sich bereits seit Monaten gezeigt, dass die Wiener Polizei eine immer restriktivere Vorgehensweise gegenüber Auswärtsfans ausübt. Seit dem Regierungswechsel tritt der Polizeiapparat noch einmal deutlich autoritärer auf. Anhand dieses unmenschlichen Polizeikessels manifestiert sich diese Entwicklung sehr anschaulich. Der Rechtsstaat funktioniert nur noch eingeschränkt, selbst bei eklatantestem Fehlverhalten haben Polizisten nichts zu befürchten.

Gibt es bereits Reaktionen von Vereinsverantwortlichen von Rapid Wien? Was erwarten Sie aufgrund der Vorfälle von dem Klub?

Präsident Michael Krammer hat sich noch vor Spielende ein Bild von der Situation gemacht. Er zeigte sich schockiert und hat versucht, am Ort zu intervenieren – doch auch er blieb erfolglos. Krammer und andere Klubverantwortliche blieben solange beim Polizeikessel, bis der letzte Rapid-Fan in Freiheit war. Die Verantwortlichen kritisierten die Polizei auch im Nachhinein sehr vehement. Der Verein hält auf allen Ebenen zusammen, was vielen Betroffenen Kraft gibt.

Bedeutet der Polizeikessel eine neue Eskalationsstufe der Repressalien gegenüber Anhängern der aktiven Fanszenen in Österreich? Wenn ja, wie wollen Sie dagegen fanpolitisch vorgehen?

Wir stehen vor einer Zäsur für die österreichische Fanszene. Repression war immer allgegenwärtig, aber nicht in dieser Qualität. Aber wir werden auch solche Angriffe überstehen. Viele Rapidler beteiligen sich am Fanmarsch, weil es der sicherste Anreiseweg bei Auswärtsderbies ist. Denen hat der Staat auf schmerzliche Weise sein antidemokratisches Gesicht gezeigt.

Quelle: https://www.jungewelt.de/artikel/345760.repression-wir-stehen-vor-einer-z%C3%A4sur.html

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.