Zur Scherzgeschichte der SPD. Zum sozialdemokratischen Witzblatt „Der wahre Jacob“. Von Oliver Rast

Martin Schulz hatte Vorläufer: Zur Scherzgeschichte der SPD ist an ihr Satiremagazin Der wahre Jacob zu erinnern. Vor 90 Jahren trat es die Nachfolge von Lachen links an. Das Blatt hatte es nur knapp drei Jahre gegeben, seit 1924. Es war damit nicht nur der Vorgänger, sondern auch der Nachfolger des Wahren Jacobs. Der war 1879 gegründet und 1923 eingestellt worden, weil er der Hyperinflation nicht gewachsen war. Damals hatte sich die Redaktion lyrisch von ihrem Publikum verabschiedet: »Dies ist des ›Jacobs‹ letzte Nummer! / Er starb an keinem Staatsanwalt, / Es macht kein Paragraph ihn kalt, / Er legte sich zum Winterschlummer, / Erdrängt vom Wucherergebot, / Erdrosselt von der Zeiten Not!«

Die Gründung des Blatts fiel in die Anfangszeit der wilhelminischen »Sozialistengesetze«, durch die die Öffentlichkeitsarbeit der SPD weitgehend beendet wurde. Zeitungen wurden verboten, Redaktionsräume geschlossen und Druckereien beschlagnahmt. Doch der spätere verantwortliche Redakteur Wilhelm Blos (1849–1927) fand gemeinsam mit dem Verleger der Tageszeitung Hamburg-Altonaer Volksblatt Johann H. W. Dietz (1843–1922) ein Schlupfloch, um die flächendeckende Zensur der sozialdemokratischen Presse zu umgehen: Scherze statt Politik.

Tatsächlich geriet Der wahre Jacob mit seiner betont gemäßigten Tonart nicht sofort ins Visier der argwöhnischen Zensoren. Mit Karikaturen, spöttischen Gedichten, Prosastücken und feuilletonistischen Notizen war das Blatt Ausdruck einer »künstlerischen Opposition«. Neben dem mo­narchistischen Dünkel wurde die Klientelpolitik der Nationalliberalen für großbürgerliche Industrielle verspottet. Reichskanzler Otto von Bismarck war dabei die bevorzugte Zielscheibe.

Zunächst konnten nur zwölf Ausgaben gedruckt und vertrieben werden. Nach der Verhängung des Kleinen Belagerungszustandes 1880 wurden Blos, Dietz und andere Sozialdemokraten aus Hamburg und Preußen ausgewiesen und mussten ihre Zeitschrift aufgeben. Erst 1884 konnte Der wahre Jacob im Stuttgarter Verlag von Dietz neu herausgegeben werden. Die Diktion war weiterhin sozialreformerisch, während andere sozialdemokratische Periodika nur im Ausland gedruckt werden konnten und klandestin über die Grenze geschafft werden mussten. Später war das egal, denn die Redaktion des Heftes positionierte sich im Ersten Weltkrieg an der Seite der Mehrheit der SPD-Reichstagsfraktion, indem sie die Burgfriedenspolitik unterstützte.

Und auch nach der gescheiterten linken Revolution scherzte Der wahre Jacob für die Mehrheits-SPD. Entsprechend hieß es in der letzten Nummer von Lachen links: »Nichts wird unterbrochen, nichts wird abgebrochen«, auch wenn damit nur die Rückkehr zum alten Titel gemeint war. Die Redaktionsleitung übernahm Friedrich Wendel (1886–1960), der 1920 noch zu den Mitgründern der Kommunistischen Arbeiterpartei Deutschlands (KAPD), die einen strikten antiparlamentarischen Kurs vertrat, gehört hatte. Der wahre Jacob war, vom Zentralorgan Vorwärts abgesehen, die auflagenstärkste sozialdemokratische Publikation sowohl im Wilhelminismus als auch in der Weimarer Republik. Er erreichte Auflagen von bis zu 350.000 Exemplaren und lag damit vor dem linksbürgerlichen Simplicissimus und dem KPD-nahen Eulenspiegel. Die Witze gingen etwa so: Bei der rechten »Stahlhelm«-Versammlung: »Herr Versammlungsleiter, was ist denn das? Der Vortrag muss beginnen, und kein Mensch ist da!« – »Herr Hauptmann müssen entschuldigen, das ist bei unserer Mitgliedschaft immer so. Da kommt keiner, bevor nicht alle da sind!« (März 1929) oder eine Scherzfrage zum Grundsätzlichen: »Welcher Großhandel in Deutschland hat bisher noch keinen Pfennig Steuern gezahlt?« – »Der parlamentarische Kuhhandel.« (April 1929).

In der Spätphase der Weimarer Republik mit ihren Präsidialdiktaturen geriet neben dem Faschismus der »Bolschewismus« unter Beschuss. Die Bildpolitik im Wahren Jacob war eindeutig und eine Kampfansage: Sowjetstern und Hakenkreuz marschierten hier im Gleichschritt gegen die Republik, während man bei der KPD genau umgekehrt dachte und vor der SPD als »Sozialfaschisten« warnte. Das tragische wie gefährliche Unterschätzen der Nazis seitens der Arbeiterbewegung kommt in diesem Witz aus dem Oktober 1930 zum Ausdruck: Hitler studiert das Wahlergebnis und sagt: »Allerhand Erfolge! Wenn das so weiter geht, wird sich die Bewegung möglicherweise noch mit politischen Fragen beschäftigen müssen!“

Quelle: https://www.jungewelt.de/artikel/313708.zur-scherzgeschichte-der-spd.html

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